Mai 022011
 

Erstens. Der Gutmensch

Ich steige am Alexanderplatz mit meinem Rad in den Regionalexpress nach Staaken. Im geräumigen Fahrradabteil bin ich ganz alleine. An der Friedrichstraße steigt eine gut gekleidete Dame mit Kinderwagen zu. Sie holt mit zärtlichem Gegurre das Kind heraus, zieht ihm die gehäkelten Schühchen aus und wieder an, streichelt es, lächelt es an, legt es wieder hin, deckt es sorgsam zu und macht dabei die ganze Zeit liebevolle Geräusche und Bewegungen.

Im Hauptbahnhof kommt er dann mit seinem Fahrrad. Dass er ein Gutmensch ist, erkennt man an der Art, wie er sein Rad gegen meines anlehnt. Perfekt, mit minimalem Platzverbrauch. Zwei ineinander geschobene Räder, die zusammen kaum mehr Platz einnehmen als eines alleine. Mit dieser Technik könnte man wohl hundert Räder hier unterbringen, aber nun stehen nur zwei in der Ecke des riesigen, fast menschenleeren Abteils und gegenüber der Kinderwagen. Sollten aber doch noch drei Radwandergruppe einsteigen, ist das Gute Beispiel schon gegeben.

Dann beginnt der Gutmensch nachzudenken und fragt, wie weit ich fahre. Er schaut sich auf der aushängenden Karte genau an, wo Staaken ist, damit er rechtzeitig mein Rad wieder befreien kann.

Nach dem Bahnhof Zoo bewegt sich die Dame mit dem Kinderwagen Richtung Tür. Als das Kind anfängt zu schreien, spricht sie streng ein Wort in einer fremden Sprache. Das Kind ist sofort still. Der Gutmensch wendet sich an das leere Abteil mit den Worten: „Das ist ja schrecklich. Da müsste man eigentlich eingreifen.“ Ich will am frühen Sonntagmorgen nur meine Ruhe haben und schaue krampfhaft aus dem Fenster. Da schreit das Kind wieder, und die Dame spricht zwei Sätze. Der Gutmensch steht auf, geht zu ihr hin, und fragt: „Wie alt ist Ihr Kind?“ – „Warum Sie wollen wissen?“ – „Weil sie zu ihm reden wie mit einem Erwachsenen. So kann Ihr Kind sich nicht entwickeln. Als Mutter haben Sie doch sicher noch andere, bessere Mittel zur Verfügung.“ – Welche Sprachgewalt!

Die Frau schaut hilflos in ihren Kinderwagen, ich aus dem Fenster. Ich will hier nur raus, aber der Zug fährt quälend langsam und bleibt in Stresow auch noch minutenlang stehen. Nun sagt niemand mehr was.

Die Frau mit Kind steigt in Spandau aus. Ich muss noch bis Staaken aus dem Fenster schauen, um keinen Anlass für ein Gespräch zu bieten. Im genau berechneten letzten Augenblick nimmt der Gutmensch sein Rad weg. Ich schaue mir die Stelle an, wo seine Hinterachse meinen Rahmen berührte. Ich finde keinen Kratzer; aber er bemerkt, dass ich es kontrolliere. Hoffentlich wird er ab heute immer ein paar Stückchen Schaumgummi mitführen.

Zweitens. Seegrundstücke in Brandenburg

Bisher war der Berliner Mauerweg sowohl in der Stadt als außen herum sehr interessant und oft auch landschaftlich schön. Heute freue ich mich auf ein schönes Stück am Ufer des Groß-Glienicker Sees entlang. Aber nach Fort Hahneberg muss man zunächst einmal endlos die Bundesstraße 2 entlang, langweilig und ermüdend.

Dann endlich der See. Er ist in der Maisonne mit blühendem Flieder wirklich wunderschön. Am Ufer führt der ehemalge Grenzbewachungsweg entlang, der nach der Wende neu asphaltiert und als Mauerweg ausgeschildert wurde. Das Ufer ist steil, und oben stehen Villen.

Dann ist der Weg auf einmal versperrt. Kein Hinweis, kein Schild, einfach ein ziemlich neuer Zaun. Dahinter ist Erde für einen neuen Garten aufgeschüttet. Zwei Villenbesitzer haben ihr Grundstück einfach quer über den Radweg verlängert und eingezäunt.

Die Spuren im Sand weisen den Weg: man muss den Radweg im rechten Winkel verlassen und kann sich nach einem weiteren rechten Winkel über den einen Meter breiten Sandstrand zwischen dem See und dem neuen Zaun quälen. Nach dem zweiten Grundstück schlägt man nochmals zwei Haken und ist wieder auf dem asphaltierten Radweg. Die Besitzer des zweiten Grundstückes haben gerade quer über den ehemaligen Weg eine Hecke gepflanzt. Die ganze Lage erinnert an Straßen und Wege die im August 1961 plötzlich unterbrochen wurden. Weniger lebensgefährlich, aber doch die Menschen verachtend, die hier einfach der beschilderten Strecke folgen wollen.

Ich fahre weiter. Die Villen oben werden immer protziger. Hier ist viel neues Geld verbaut. Balkone und Terrassen mit Seeblick, Garten mit Hanglage, unten dann ein Gartenzaun und dahinter der ausgeschilderte Radweg am Ufer entlang. See, Sonne, Flieder, glückliche Menschen in blühenden Landschaften.

Bis der Weg dann wieder versperrt ist. Diesmal kann man aber nicht durch den Sand drum herum. Inzwischen gibt es nämlich links und rechts vom Radweg einen Zaun, und nun auf einmal ein Geflecht von Ketten quer über den Weg. Eine Grundstücksbreite weiter noch einmal solche Ketten, und dahinter geht der Weg weiter, unerreichbar. Ich bin gefangen wie der Aal in der Reuse. Im Garten spielt ein junger Vater liebevoll mit seiner Tochter. Ich frage ihn, wo der Weg denn hier weitergeht. Nirgendwo. Die Stadt habe ihn falsch ausgeschildert. Ich hätte schon vor einigen Kilometern nach oben auf die Straße gemusst. „Ja, muss ich denn jetzt ganz zurück?“ – „Sie können meinetwegen auch da stehen bleiben.“ Dieser Vater hat jedenfalls Mittel, seine Tochter auf ihr zukünftiges Leben vorzubereiten.

Während ich zurück radle, dann den Berg hinauf und oben auf der Straße wieder an denselben Villen entlang, schaue ich mir die protzigen Fassaden und die Messingschilder an den Haustüren an, auf denen nur Initialen stehen, keine Namen, und denke nach, dass es doch gut geregelt ist. Diese Menschen verdienen sehr viel Geld, weil sie für unsere Wirschaft, und damit für uns alle, hart arbeiten. Weil es sehr unangenehm ist, immer wieder Leute zu entlassen, bekommen sie zum Ausgleich allerlei Boni. Leistung muss bezahlt werden, sonst würde ja kein Mensch noch arbeiten. Und der Sinn eines höheren Gehaltes ist nun einmal, dass man sich mehr leisten kann als andere. Unterschiede müssen sein, weil Konkurrenz ja gut ist.

Ein Problem entsteht aber, wenn man so viele Häuser, Segelboote, Rennpferde  und Autos hat, wie man gebrauchen kann, in jedem Zimmer einen Kamin und eine Musikanlage, in jedem Keller in Schwimmbad und eine Sauna, und immer noch Geld übrig hat. Dann geht es nicht mehr weiter. Was kann man nun noch anschaffen, um sich von weniger Erfolgreichen zu unterscheiden?

Ganz einfach: man leistet sich etwas, von dem es nur wenig gibt, und freut sich daran, dass man weniger erfolgreiche Schlucker davon ausschließen kann. Seen und ihre Ufer sind wunderschön, und viele Menschen gehen oder radeln gerne an ihnen entlang. Gerade Menschen, die sich keinen eigenen Garten leisten können. Wenn man ihnen das dann verbieten kann und sie zusammentreibt auf klitzekleinen öffentlichen Badestränden, macht der eigene Besitz viel mehr Freude. Man hat nicht nur seine Villa, seinen Garten und die Aussicht, man weiß auch, das andere noch nicht einmal die Aussicht und das Wasser genießen können.

In einer Zeit, in der Bundespräsidenten nicht in Bellevue wohnen wollen, weil sie meinen, es wäre schlecht für ein Kind, im Schloss aufzuwachsen, entsteht hier neuer Feudalismus. Aus Leistung entwickelt sich Reichtum und Macht, aus Reichtum und Macht noch mehr Reichtum und noch mehr Macht,  und wenn das ein paarmal vererbt wird, ist ein neuer Adel entstanden. Adel hat uns jahrhundertelang viel Gutes gebracht. Jetzt, wo der alte abgedankt hat, muss sich eben ein neuer bilden.

Dafür sitzt man in der Falle auf dem Mauerweg, wenn man nichts besseres zu tun hat als Rad zu fahren, während andere schlaflos an all die Menschen denken, die sie entlassen müssen.

Drittens. Kreuzberg

Am selben Nachmittag ist in Kreuzberg eine Art Volksfest mit Musik und viel Essen. Aber überall stehen Hundertschaften Polizei, und auf allen Straßen warten Polizeiautos. In früheren Jahren hat es Unruhen gegeben, aber nun sieht alles ruhig aus.

Des nachts um zehn will ich noch einmal dahin. Vielleicht kann ich ja noch etwas Leckeres zum Essen bekommen.

In den Nachrichten war nichts von Unregelmäßigkeiten zu hören. Die U-Bahn fährt normal, auf den Bahnhöfen wird nichts Besonderes angezeigt. Wie am Nachmittag steige ich auch jetzt am Kottbusser Tor aus. Auf dem Bahnsteig nichts auffälliges, überall ganz normale Leute. Nur oben, auf dem Platz, sind zwanzig oder dreißig Polizisten damit beschäftigt, mit einem einzelnen jungen Mann zu rangeln, der sich heftig wehrt. Noch viel mehr Polizisten und alle anderen Menschen schauen zu. Manche pfeifen, aber niemand wirft etwas, niemand greift ein. Die Polizei sagt auch nicht über Lautsprecher, was sie erwartet. Die Lage sieht vom Ausgang der U-Bahn aus so harmlos aus, dass ich weitergehe. Und dann spritzt mir etwas ins rechte Auge und brennt fürchterlich. Einfach so. Die Neugier ist mir schlagartig vergangen. Nach Hause, mit Wasser spülen. Also zurück nach unten. Auf dem Bahnsteig ist alles ruhig. Leute warten auf den Zug wie immer und überall. Und dann wird durchgesagt, dass keine Züge mehr hier halten werden. Keine. Punkt aus. Und jetzt? Da kommt ein Zug und fährt durch. Die Leute bleiben ruhig. Aber wir sitzen hier in der Falle, und niemand sagt, wo der Ausgang ist. Man kann doch nicht den Bahnhof immer voller laufen und alle Züge durchfahren lassen, während die Ausgänge mit Tränengas gesperrt sind.

Halb blind finde ich schließlich einen Hinterausgang. Dort stehen zwei Ordner und sagen zueinander: „Es ist genau wie voriges Jahr. Immer das selbe.“

Zu Fuß zur Schönleinstraße, dort in die U-Bahn und nach Hause. Das Auge ist dunkelrot. Wasser hilft nicht, es macht das Brennen nur schlimmer. Die Tränenflüssigkeit schmeckt nach Pfeffer. Noch am nächsten morgen fängt es beim Waschen wieder an zu brennen. Warum und wozu? Offenbar nur, weil es nun eben am 1. Mai immer so ist.

Irgendwie werde ich den Gedanken nicht los, dass alle drei Erlebnisse dieses Tages miteinander zu tun haben.


http://www.tagesspiegel.de/berlin/brandenburg/bieten-fuer-das-seeufer/1888954.html

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