Géza Ákos Molnár

Nov 282015
 

Meine These: Auch beste Rhetorik stößt an ihre Grenzen, wenn die Hörer nicht sinnerfassend hören können oder wollen.
Géza Ákos Molnár, redemanufaktur.com

Wenn Sie jemandem etwas schreiben, so braucht es das eine ganz dringend: daß der andere sinnerfassend lesen kann.

Wenn Sie jemandem etwas sagen, so braucht es doch das eine ganz dringend: daß der andere sinnerfassend hören kann.

Schäuble hat gut geredet, Sie haben es in der youtube Zuspielung gehört. Er hat einfach geredet. Klar, verstehbar, und er hat das getan, was gute Redner seit Jahrtausenden tun, allen voran Jesus Christus: Er hat eine Metapher verwendet, ein Bild, um etwas zu veranschaulichen. Normalerweise genügt das. Der Sinn der Botschaft ist erfaßt und alles ist gut.

Nun hat auch Jesus hin und wieder gesagt: „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ Weil Metapher hin und Gleichnis her, er hat von einer andern Welt, vom Reich Gottes, geredet, und da ist für den irdischen Menschen das sinnerfassende Hören selbst mit Metapher oft schlicht schwer. Darum brauchen die, die Jesum hören, den Heiligen Geist als Interpreten dazu.

Aber bei Schäuble und seiner Lawine? Was ist da schwer? Gar nichts. Darum brauchen wir bei Schäuble auch nicht den Heiligen Geist, sondern nur den Verstand und den Willen, respektvoll zu hören.

Aber es war so: Es hat sich ein Sturm (wieder eine Metapher) der Entrüstung über ihn erhoben. Er hätte das christliche Menschenbild verachtet. Er hätte Menschen „versachlicht“ (zu einer Sache gemacht). Er hätte überhaupt vergessen, daß es sich bei den „Flüchtlingen“ um Menschen handelt, um lauter einzelne Menschen.

Zwei gute Dinge hat Schäuble mit seiner Lawine allerdings erreicht:

  1. Der Sturm der Entrüstung hat seine kurze Rede europaweit bekannt gemacht.
  2. Wer sinnerfassend hören wollte und konnte, hat das Bild und damit die Botschaft verstanden.

Schlimm ist für die so notwendige Kommunikationskultur in unseren Landen, daß sich die Unhöflichkeit eingeschlichen hat, gar nicht mehr sinnerfassend zuhören zu wollen.

Und wenn man nicht sinnerfassend hören kann, dann ist das die Unhöflichkeit, gleich zu schimpfen statt nachzufragen: „Wie genau haben Sie das mit der Lawine gemeint, Herr Schäuble?“

Das Erschreckende: „Nicht sinnerfassend hören“ führt heute unmittelbar zur moralischen Verurteilung und zum richtenden „Schäuble ist ein böser Mensch.“ Und über die Botschaft wird nicht mehr geredet. Eine inhaltliche Debatte, wie sie einer Demokratie ansteht, findet nicht mehr statt. Mit einem „Bösen“ reden wir nicht, wir fragen ihn nichts, wir hören ihm nicht zu. Was tun wir viel lieber? Wir richten ihn.

Früher war es so: Wenn einer die gegenteilige Meinung zu meiner Meinung vertreten hat, war er schlicht ein Andersdenkender. Mit dem habe ich heftig gestritten, und er mit mir. Aber böse? Weder haben wir einander für böse erachtet noch waren wir böse aufeinander. Und wenn doch, haben wir uns auch wieder zusammengestritten. „Früher“ war einmal. Heute ist bei den Guten das „Böse“ schnell erkannt und der „Böse“ schnell (hin)gerichtet.

Nun zur Metapher der Lawine und warum ich sie für rhetorisch passend halte.

Einer Metapher muß ich auch zuhören und sie zuerst einmal wirken lassen. Das ist meine, des Hörers Pflicht und Schuldigkeit. Wie höre ich einer Metapher richtig zu?

Die richtige Fragestellung für das sinnerfassende Hören ist: „Worüber spricht Herr Schäuble denn? Und auf welchen der vielen, vielen Aspekte des Themas lenkt er heute mein Augenmerk?“

Die Antwort am Beispiel seiner Lawine:

Heute (gestern war es ein anderer Aspekt, morgen wird es vielleicht wieder ein anderer werden), hier und heute lenkt Schäuble mein Augenmerk auf den Aspekt der großen Zahl (Mathematik) und auf den Aspekt der großen Masse (Physik) der Völkerwanderung.

Exkurs: Daß die Behörden in Duisburg bei der Vorbereitung der Loveparade (Liebesparade) 2010 genau auf diesen Aspekt kein besonderes Augenmerk gelegt haben, hat man ihnen nach der Katastrophe mit 22 Toten freilich mit Recht zum großen Vorwurf gemacht.

Denn: Hätten sie nicht bedenken müssen, daß es sich bei Tausenden sogar liebenden Menschen um eine große Zahl (Mathematik) und um eine große Masse (Physik) handelt, die, wenn sie einmal in Bewegung und dann außer Kontrolle geraten ist (Massenpsychologie, Physik), so wirkt wie eben zum Beispiel eine Lawine wirkt? Zermalmend, zerschmetternd, vernichtend?

Wer logisch denkt, der weiß: Ja, das muß man als Verantwortlicher immer mit in Betracht ziehen. Damit entmenschlicht er keine Menschen, damit „versachlicht“ er keine Menschen.

Ganz im Gegenteil: Weil er Menschen mag, weil er Verantwortung trägt, weil er, der Minister,  das Ganze des Staates und des Volkes im Blickfeld hat, zieht er auch diesen Aspekt der im Notfall verheerenden Wirkung großer Heerscharen um eben der Menschen willen in Betracht (das nennt man Verantwortungsethik).

Genau das hat Schäuble getan, als er die „Lawine“ ins Spiel gebracht hat. Daß er hier und heute den Aspekt der Lawine anspricht, heißt ja um Himmels willen nicht, daß er andere Aspekte ausschließt. Wer sinnerfassend hört, spürt und erkennt das unmittelbar.

Als Redenschreiber würde ich ihm daher auch für die Zukunft vorschlagen: Verwenden Sie weiterhin klare, klärende Bilder, das ist rhetorisch geboten, geschickt und gut.

Wer Ohren hat, zu hören, der wird Sie verstehen (und Ihren Standpunkt teilen, übernehmen oder begründet ablehnen), denn mit Ihrer Metapher haben Sie es ihm leicht gemacht, Ihre Botschaft, Ihre Entscheidungskriterien, Ihre Motive zu verstehen. Wer hören will, weiß, wie es der Redner meint.

Und wer nicht sinnerfassend zuhören will oder kann (in der Bibel nennen sie das Verstockung), der wird Sie so und so richten und als „böse“ punzieren. Damit müssen Sie wohl leben, das gehört in Zeiten einer degenerierten Demokratie leider dazu.

Guten Mut, Herr Schäuble, reden Sie weiter so: engagiert, überzeugt, verstehbar dank klarer Worte! Und Ihnen steht auch das Knorrige!

Géza Ákos Molnár, Wien, redemanufaktur.com

Buchempfehlung zur Metapher Schäubles: Elias Canetti, Masse und Macht.