Hanno Wupper

Sep 062016
 

In seinem Artikel Rousseau und Kant statt Mohammed in Philosophia perennis geht David Berger davon aus, dass „jede Gesellschaft 1. konservative, 2. liberale und 3. auch soziale Züge braucht“, und untersucht, was das derzeit bedeutet.

Man kann auch eine andere Einteilung und einen philosophischen Text von 1904 als Ausgangspunkt verwenden. Unser Philosoph* erklärt, dass vollkommene Freiheit im Denken, im geistigen Austausch, in Wissenschaft, Kunst und Kultur herrschen sollte, Gleichheit vor dem Gesetz und Brüderlichkeit in der Wirtschaft. Wir beginnen mit letzterer und führen die Gedanken von 1904 weiter in die heutige Zeit.

Brüderlichkeit

Derzeit werden die Reichen immer reicher und ungebildeter, die Armen immer ärmer und ungebildeter, und die bürgerliche Mittelschicht sieht ihre Ersparnisse verdampfen und das Bildungssystem langsam untergehen. Noch vor einer Generation lehrte die Wirtschaftswissenschaft, dass das Ziel einer Firma oder Organisation eigentlich ist, bestehen zu bleiben und den Mitarbeitern ein gutes Auskommen zu ermöglichen. Aufgabe des Staates war es, Bedingungen zu schaffen, dass der Gewinn einer Firma auch der ihrer Partner und Mitarbeiter ist und man gemeinsam zu Wohlstand kommt. Stichwort „soziale Marktwirtschaft“. Dieses Ideal ist heute nahezu vergessen und wird von zwei Seiten bedroht.

Zum einen von „den Finanzmärkten“ und der neoliberalen Wirtschaftsphilosophie, an die unsere Politiker beinahe religiös glauben. Da werden ganze Firmen von Hedgefonds gekauft, damit man die Arbeiter auf die Straße setzen kann, da werden ganze Länder ins Unglück gebracht, und Politik und Medien glauben merkwürdigerweise, dass das gut wäre, weil „die Märkte“ im Prinzip etwas Gutes seien.

Zum anderen seit längerem von der Mafia und neuerdings in deutschen Städten von gewissen arabischen Familienclans, die den deutschen Rechtsstaat verachten, Polizisten und Richter bespucken und bedrohen und immer offener eine illegale Wirtschaft zur Blüte bringen, in der „Brüderlichkeit“ nur für die eigenen Verwandten gilt und man alle anderen verachten, ja, vernichten darf. Buschkowsky beschreibt in Neukölln ist überall, unter welcher Bedrohung Staat und Bildungssystem durch diese Menschen aus einer anderen Kultur stehen. Aber sie genießen merkwürdigerweise den Schutz fast aller Parteien und den Schutz all derer, die hohe Ideale vor sich hertragen. Es sind ja Moslems, und der Islam darf im Prinzip nichts Schlechtes sein. Wer etwas gegen diese Verbrecher sagt oder unternehmen will, wird schnell als „islamophob“ hingestellt und selbst zum Sündenbock gemacht. Gesetzestreue, gut integrierte Moslems führen sich kollektiv beleidigt oder „unter Generalverdacht gestellt“ und tragen so zur Verwirrung bei. Statt das Verbrechen und die verbrecherischen Strukturen anzupacken, ergehen sich Politik und Medien in sinnlosen Debatten über den Islam, „Gutmenschen“, Religionsfreiheit, „Angstbürger“, Diskriminierung und „Islamophobie“.  Evidente Tatschen darf man inzwischen gar nicht mehr benennen; das hat selbst Sarah Wagenknecht erfahren müssen.

Gleichheit

Natürlich sind nicht alle Menschen gleich. Darum erklärt unser Philosoph der vorigen Jahrhundertwende, dass „Gleichheit“ Gleichheit vor dem Gesetz bedeuten müsse. Eine der wichtigsten Aufgaben des Staates ist es, ein Gesetzessystem zu pflegen, das diese Gleichheit sicherstellt und ein brüderliches Wirtschaftssystem, nennen wir es ruhig soziale Marktwirtschaft, blühen lässt. Die Gleichheit vor dem Gesetz wird ebenfalls von zwei Seiten bedroht.

Zum einen vom weltweiten Wirtschaftssystem, das die Staaten dazu bringt, immer mehr Gesetze zu erlassen, vor denen eben nicht alle Menschen gleich sind. Wer Geld hat, kann sich ganz legal Rechte kaufen, ohne selbst etwas geschaffen zu haben: Rechte an Saatgut, Musik, Medikamenten, Darlehen und Seeufern, und so zum eigenen Nutzen die Preise in die Höhe treiben, um noch mehr Rechte zu kaufen. Beispiel: wer ein Haus für seine Familie kauft, muss hohe Steuern zahlen; wer eine Firma kauft, um sie zu zerschlagen und die Arbeiter auf die Straße zu setzen, erhält Steuererleichterung.

Zum anderen wird die Gleichheit vor dem Gesetz bedroht von einem verqueren Gedankengebäude um falsch verstandene Religionsfreiheit und falsch verstandenes Diskriminierungsverbot. Es wird von den meisten Parteien und Medien mehr oder weniger unterstützt. Als Folge führt ein Diktator in unserem Land seinen Wahlkampf, teils ganz offen, teils über von ihm finanzierte Moscheen. Andere Beispiele: Kindern wird beigebracht, unseren Rechtsstaat zu verachten und Männer, die sich lieben, zusammenzuschlagen, ja, zu töten. Kein Motorradfahrer mit seinem Helm auf darf unbehelligt in einem Einkaufszentrum oder den Räumen einer Bank herumlaufen, aber frauenverachtende, unästhetische Vollverschleierung genießt den Schutz der Religionsfreiheit. Wer versucht, in unserem Land eine Sharia-Gesetzessystem einzuführen, erntet bei manchen Verständnis, weil das ja „besser zu diesen Menschen passt“. Und auch hier wird, wer dagegen auftreten will der „Islamophobie“ bezichtigt und mundtot gemacht.

Freiheit

Auch die geistige Freiheit steht von diesen beiden Seiten unter Druck.

Einerseits erwerben multinationale Konzerne immer mehr Rechte, und sie bestimmen nicht nur die Preise von wissenschaftlichen Zeitschriften, Musik und Medikamenten, sondern sie wissen auch die Verbreitung von Schriften und Internetbeiträgen zu verhindern, die ihnen nicht wohlgefällig sind. Da geschieht alles ganz schleichend und ungreifbar. Jeder Wissenschaftler, jeder Autor auf Suche nach einem Verlag, mancher Blogger weiß, was gemeint ist.

Andererseits bestimmt eine importierte vor-aufklärerische Kultur der Entrüstung, des kollektiven Beleidigtseins, welche Gedanken unerwünscht sind, und die meisten Medien und Parteien gehorchen. Das geht so weit, dass Regierungen sich für satirische Abbildungen und Beiträge in der Presse und im Fernsehen entschuldigen. Gedankenfreiheit, die wir seit Friedrich dem Großen mühsam erworben haben, wird nicht nur von mächtigen Konzernen schleichend unterdrückt, sondern auch von unseren politischen Führern untergraben.

 

Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit stehen seit Längerem von der einen Seite so unter Druck, dass wir verlernt haben, sie zu verteidigen und den Ernst der Bedrohung von der anderen Seite wahrzunehmen.

Aber wir haben dieser Bedrohung ja auch nichts mehr entgegenzusetzen. Fragen Sie doch mal in Ihrem Bekanntenkreis herum, welches die Werte denn sind, die uns in der „christlich-jüdischen Gesellschaftsordnung“ so wertvoll sind. Mancher wird die Antwort schuldig bleiben. Wir wissen es selbst nicht mehr, können nicht einmal erklären, was Demokratie wirklich ist oder sein sollte. Wir lassen es in existentiellen Fragen auf dumpfe Volksentscheidungen mit 51 zu 49 Prozent ankommen und geben ein jämmerliches Bild ab mit unseren Wahlkämpfen, unserer laxen Haltung gegenüber Gesetzesverstößen und unserer Unsicherheit in Grundsatzfragen. Ab und zu „befreien“ wir ein Land in Nordafrika oder Nahost von einem Diktator, lassen die Menschen irgenetwas „demokratisch“ wählen, statten eine oder beide Seiten mit Waffen aus und machen alles damit nur noch schlimmer.


*) Wer dieser Philosoph war, tut hier nichts zur Sache. Die Nennung seines Namens würde viele Leser verprellen und den Autor in eine Ecke stellen, in die er nicht gehört.

 

Nov 252015
 

Nach einem Herzanfall in Berlin verpassten mir die Kardiologen im Krankenhaus Neukölln eine ZOLL LifeVest, die permanent mein EKG aufzeichnen und bei erneuten Anfällen mein Leben retten soll. Im Notfall soll sie mir zur Defillibrierung Stromstöße verpassen.

So eine Weste kostet über 100 Euro pro Tag. Dafür kann sie aber auch das EKG aufzeichnen und jede Nacht zu einem Server schicken, auf dem die Kardiologen des Patienten es sich anschauen können.

Dass ich in den Niederlanden wohne und dort auch krankenversichert bin, war dem Krankenhaus in Neukölln und der Firma ZOLL bekannt. Selbverständlich würde das alles auch in den Niederlanden funktionieren.

Die Hardware

Für die hundert Euro am Tag erhält man einen Gürtel mit vier EKG-Sensoren und drei Teilen, die einen im Notfall zuerst mit Kontaktflüssigkeit einspritzen und dann defibrillieren. Dazu gehört ein Kästchen, das vibrieren kann um einen auf das Schlimmste vorzubereiten. Das ganze ist durch einen Kabelbaum miteinander verbunden. Damit man alles ununterbrochen auf der Haut tragen kann, gibt es dazu drei oder vier Nylonwesten in der richtigen Größe. Gesteuert wird alles von einem Monitor, den man immer bei sich tragen und nachts mit ins Bett nehmen muss.

Man kann sich so etwas auch in den Körper einbauen lassen. Dann heißt es ICD und sieht so aus wie auf dem nebenstehenden Bild.

Der externe Monitor der LifeVest verbraucht mehr Strom, weil er jede Nacht das EKG versenden muss. Er wird wohl auch einen größeren Kondensator enthalten, weil eine auf der Haut getragene Weste sicher stärkere Stromschläge abgeben muss als ein direkt ans Herz angeschlossenes Teil. Dennoch sollte so ein Monitor im 21. Jahrhundert nicht viel größer sein als eine Geldbörse und in die Hosentasche oder die Innentasche einer Jacke passen. Aber das Ding wiegt fast siebenhundert Gramm und ist so groß, dass es in keine Tasche passt. Es hat eine Klammer, mit der man es am Gürtel tragen könnte, davon rät die Beraterin aber ab.  Ich laufe nun seit Wochen mit einem Kasten um den Hals herum, der aussieht wie eines der ersten Telefonmodems, wenn Sie sich noch erinnern.

Der Kasten blinkt rot. Man selbst kann das nicht sehen. Menschen in der Umgebung können es nicht deuten und finden es unheimlich.

Die Weste hat im Rücken ein Teil, das vibrieren kann, um mich auf etwas aufmerksam zu machen. Es ist so groß wie eine Streichholzschachtel, hart, mit nur leicht abgerundeten Kanten. Wenn man auf dem Rücken liegt oder auf einem Stuhl mit glatter Rückenlehne sitzt, drückt es schmerzhaft auf die Dornfortsätze der Rückenwirbel. Warum das so sein muss, ist unklar.

Dazu gehört dann noch eine „Basisstation“, die man mitnehmen muss, wenn man verreist. Sie wiegt noch einmal siebenhundert Gramm und hat die Abmessungen eines Wanderschuhs. Das Netzteil ist darin nicht enthalten, so groß wie Netzteile von Druckern vor zwanzig Jahren waren und wiegt weitere dreihundertfünfzig Gramm, das erdbebensichere Schuko-Kabel dreihundert Gramm. Diese Basisstation enthält den Halter für die aufzuladende Batterie, ein wenig Elektronik, einen kleinen Bildschirm und eine SIM-Karte. Warum es im Jahre 2015 so groß und schwer sein muss, bleibt unklar. Es empfängt nachts das Tages-EGK vom Monitor und schickt es über GSM zum Server. Als Höhepunkt des Luxus wird der Bildschirm im Dunkeln etwas dunkler, also wird wohl auch noch ein Helligkeitssensor eingebaut sein.

Den Monitor trägt man also ununterbrochen um den Hals oder nimmt ihn mit ins Bett. Die Basisstation mit Netzteil muss bei jeder Reise im Gepäck sein. Damit hat man zehn Prozent des bei Flügen zulässigen Gepäcks schon gefüllt.

Die Sprachen

Der Monitor kann sprechen. Das ist lebenswichtig. Wenn ich nach einem Herzstillstand ohnmächtig daliege, erklärt der Monitor den Umstehenden, dass sie nicht erschrecken sollen, aber vor allen Dingen den Patienten nicht berühren dürfen, weil sonst auch sie Stromschläge erhalten und die Wirkung der Behandlung stören können.

Der Berliner Kardiologe mit osteuropäischem Migrationshintergrund, der mir das alles erklärte, wusste, dass ich in den Niederlanden lebe. Als ich fragte: „In welcher Sprache wird diese Meldung denn gesprochen?“, stutzte er sekundenlang und sagte dann: „Das ist eine gute Frage.“ Offenbar hatte das Berliner Krankenhaus hierüber noch nie nachgedacht.

Die Mitarbeiterin der Firma ZOLL, die mir die Weste verpasste, hatte auch noch nicht darüber nachgedacht, und die ganze deutsche ZOLL-Niederlassung offenbar auch nicht. Der Monitor spricht Deutsch, und wir sind ja hier schließlich in Deutschland.

Ich habe seither wiederholt geduldig erklärt, wie es wohl ist, wenn man in Holland herumläuft und auf einmal eine Stimme auf Deutsch erklärt, dass da gerade jemand im Sterben liegt.

Als erstes bot dann die Berliner ZOLL-Mitarbeiterin telefonisch an, mich zu besuchen und die Sprache umzustellen.

Ich erklärte geduldig, dass das nicht hilft. Ich lebe wenige Kilometer von der Grenze entfernt und bin täglich wechselnd in zwei Ländern. Und zwischendurch immer mal ganze Wochen in Berlin. Wenn etwas ist, muss der Monitor in einer Sprache sprechen, die die Umstehenden auch verstehen. Es geht schließlich im Sekunden und um Menschenleben.

Ich versuchte auch zu erklären, dass heutzutage Fotokameras, Handys und Navigationsgeräte selbst wissen, wo sie sind. Aber das war wohl zu abwegig.

Jedenfalls brachte mir dann eine ziemlich entnervte ZOLL-Mitarbeiterin  bei, wie ich die Sprache selbst umstellen kann. Das geht nur über einen Geheimeingang, den die Patienten eigentlich gar nicht kennen dürfen. Dabei stellte sich heraus, dass der Monitor genau zwei Sprachen beherrscht: Deutsch und etwas, das „English“ heißt, aber breitestes Amerikanisch ist und bei vielen Leuten Abscheu hervorruft. Mehr Auswahl hat man nicht. Das ist Europa 2015.

Nach einigen Wochen traten immer mehr technische Störungen auf. Gestern rief mich ein besorgter Mitarbeiter der niederländischen Partnerfirma von ZOLL an um mitzuteilen, dass ich heute eine neue Weste erhalten würde und dass er auch ansonsten alles tun wolle, damit ich zufrieden sei. Auch ihm erklärte ich geduldig das Sprachproblem.

Er erklärte mit aller Autorität und Fachkunde eines geschulten Autoverkäufers, dass die von ihm vertretenen Westen-Monitore, jedenfalls in den Niederlanden, jedenfalls die neuen Modelle selbverständlich alle nötigen Sprachen sprechen könnten. Er zählte ein halbes Dutzend Beispiele auf.

Heute kam dann ein hilfsbereiter Vertreter, um mir alles ganz neu zu verpassen: Gürtel, Nylonweste, Monitor, Basisstation, Tasche, Gebrauchsanweisung auf Niederländisch. Auch ihm erklärte ich das Sprachproblem und dass sein Chef versichert hatte, es sei nun gelöst.

Schnell zeigte sich, dass auch dieses neue Modell nur genau zwei Sprachen beherrscht: Niederländisch und Amerikanisch.

Da beschloss der freundliche Mitarbeiter, dass die technischen Störungen meiner Weste sicher nicht vom Monitor verursacht sein könnten und gab mir den alten Monitor auch wieder mit. Jetzt brauche ich mir nur, wenn ich über die Grenze fahre, den jeweils passenden Kasten umzuhängen. Jedenfalls funktioniert das in Deutschland, Österreich, Teilen der Schweiz, im ganzen Liechtenstein, in den Niederlanden, im nördlichen Belgien sowie in Eupen/Malmedy.

Die internationale Medizin

Für die hundert Euro pro Tag können sich meine Kardiologen auf dem Server mein EKG anschauen. Das ist auch nötig, denn bei einem Alarm muss schnell entschieden werden, ob wirklich mein Herz das Problem ist oder es nur um eine harmlose Störung ging. ZOLL hatte mir in Berlin versichert, dass das europaweit funktioniert. Meine niederländischen Kardiologen hatten alle Daten und den Arztbrief aus Berlin.

Als meine Weste zum ersten Mal Alarm gab, ließ ich mich wie vorgeschrieben sofort ins Krankenhaus bringen und erhielt eine Notaufnahme bei der Herzüberwachung. Dann dauerte es 40 Stunden, bis die Ärzte sich das EKG aus dem Monitor anschauen konnten. Dazu müssen nämlich etliche Stellen zusammenarbeiten: die niederländischen Kardiologen, deren Techniker, die niederländische Partnerfirma von ZOLL und die deutsche Niederlassung von ZOLL.

Bis die niederländischen Spezialisten dann wirklich Zugang zu meinen Daten auf dem Server erhielten, dauerte es einige Wochen. Bis dahin schoben sich alle Parteien gegenseitig die Schuld zu oder interessierten sich gar nicht für einen Patienten, der mit etwas Ausländischem herumläuft. In diesen Wochen lief alles über mich: Alarm, Todesangst und Unsicherheit, Fahrt nach Hause, Übersenden der Daten mit Hilfe der Basisstation (was automatisch nur nachts geschieht), E-mail nach ZOLL Deutschland mit der Bitte, mein EKG per E-mail zu versenden, E-Mail von ZOLL Deutschland an die Kardiologen und mich, Beurteilung. Manchmal findet solch ein ganzer Zyklus an einem Nachmittag statt, manchmal dauert er mehrere Tage.

Seit gestern haben meine Kardiologen dann endlich Zugang zum Server. Nun sieht der Zyklus so aus: Alarm, Todesangst und Unsicherheit, Fahrt nach Hause, Übersenden der Daten mit Hilfe der Basisstation (was automatisch nur nachts geschieht), Anruf in der Kardiologie, dass wieder einmal etwas war, Beurteilung.

Man könnte sich vorstellen, dass dieser Monitor im Falle eines Alarms selbst direkt die Daten verschickt und die Ärzte benachrichtigt; aber das Verschicken bedarf der Basisstation, und zum Beurteilen müssen die Ärzte von mir darauf hingewiesen werden, dass etwas war.

Wie das alles gehen sollte, wenn ich 90 Jahre alt und leicht verwirrt wäre, bleibt unklar.

Seit heute habe ich wegen des Sprachproblems zwei Monitoren. Der Rhythmusspezialist des Krankenhauses hat es geschafft, Online-Zugang zu den Daten beider zu erhalten – etwas, das man nach allen internationalen Irrungen und Verwirrungen kaum für möglich gehalten hätte. Zum Glück habe ich nun zwei Basisstationen zu Hause, sodass die Daten aus beiden Monitoren nachts automatisch verschickt werden können. Wenn es aber eilt, muss ich daran denken, dass ich den richtigen Monitor mit dem Übersenden beauftrage. Es könnte auch sein, dass die zwei Basisstationen sich gegenseitig stören. Das weiß ich noch nicht.

Eines ist deutlich: Alle wollen mir nur helfen.

Nov 232015
 

Die LifeVest bietet konstante Überwachung, sofortigen Schutz und gleichzeitig ein beruhigendes Gefühl für die Patienten.

Bisher fühlte ich selten Angst – höchstens an  unheimlichen Orten, die objektiv wirklich gefährlich sind. Hat man so einen Ort verlassen, ist die Angst weg.

Dank einer Weste, die mein Leben retten soll, fühle ich nun fast täglich Todesangst. Nicht eine unbestimmte Angst, demnächst sterben zu müssen, sondern die Angst, im nächsten Augenblick zu sterben und vorher noch ein paar elektrische Schläge zu erhalten. Und das kam so:

Vor ein paar Monaten hörte mein Herz auf zu schlagen, einfach so, ohne irgendwelche Vorzeichen, und ich musste reanimiert werden und kam ins Krankenhaus. Da stellte sich heraus, dass meine Herzkranzgefäße verstopft waren. Niemand hatte das vorher gewusst. Übrigens konnten mir die Ärzte bis heute nicht erklären, ob der Herzstillstand wirklich dadurch verursacht wurde, denn der Herzmuskel scheint nicht beschädigt zu sein. Die Adern wurden geweitet, und es wurden einige Stents eingebaut. Damit sollte das Problem behoben sein, und ich freute mich, dass ich noch lebe.

Aber die Ärzte trauten der Sache nicht ganz und verschrieben mir eine ZOLL LifeVest. Die muss ich vorläufig Tag und Nacht tragen. Sie zeichnet ununterbrochen mein EKG auf und sendet es jede Nacht an einen Server, wo es die Ärzte anschauen können. Wenn die Weste eine Herzrhythmusstörung bemerkt, gibt sie ein Signal, und ich habe Gelegenheit, mit Knopfdruck zu beweisen, dass ich noch bei Bewusstsein bin. Wenn ich das nicht tue, wirkt die Weste wie ein Defibrillator: ich werde Stromschläge erhalten, die das Herz wieder zum Schlagen bringen sollen.

Fünf, sechs Wochen habe ich de Weste getragen, ohne dass es je einen Alarm gegeben hätte. Immer mehr glaubte und hoffte ich, mein Herz sei dank der Stents wieder in Ordnung und diese Weste bald unnötig. Aber die Ärzte bestanden darauf, dass ich sie weiterhin trage. Das kostet übrigens über hundert Euro am Tag.

Das Tragen ist unbequem. Man gewöhnt sich nicht daran. Man kann nicht auf dem Rücken liegen. Man kann nicht ohne Kissen auf Stühlen mit glatter Rückenlehne sitzen. Wenn einem beim Reanimieren eine Rippe gebrochen wurde, ist so eine Weste besonders schmerzhaft. Auf die Dauer verlernt man den aufrechten Gang. Außerdem ist sie mit einem Kabel mit einem „Monitor“ verbunden, einem schweren Kasten in der Größe eines dicken Taschenbuches, der gefährlich blinkt und manchmal piept. Den muss man Tag und Nacht mit sich tragen und mit ins Bett nehmen.

Aber es gab nie Alarm.

Bis vor zwei Wochen. Ich saß auf dem Sofa und fühlte mich einfach nur wohl. Und da fing die Weste an zu vibrieren und der Monitor an zu piepsen, und der kleine Bildschirm wurde rot. Wie vorgeschrieben drückte ich die Knöpfe.

Ich meinte in dem Moment, kurz vorher eine gewisse Unruhe in meinem Herzen gefühlt zu haben. Inzwischen weiß ich nicht mehr, ob das Einbildung war, denn alles ging so schnell. Ich schaute mir auf dem kleinen Bildschirm mein EKG an, und es sah furchtbar aus. Erst Tage später lernte ich, dass EKGs immer furchtbar aussehen, wenn man sich bewegt. Kardiologen kennen das. Es ist harmlos. Ich wusste es nicht und hatte zum ersten Mal Todesangst. Und auch Angst vor den elektrischen Schlägen. Ich wusste, was zu tun war: mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus. Dort verbrachte ich zwei Tage in Unsicherheit.

Dass es so lange dauerte, lag auch daran, dass die Kardiologen nicht ohne Weiteres an die Daten aus der Weste kamen. Erst nach einigem Hin und Her gelang das.

Inzwischen haben mir die Spezialisten erklärt: ja, es war eine leichte Herzrhythmusstörung, und die ging schnell von selbst vorüber. Wenn es noch einmal passiert, soll ich nicht sofort mit dem Krankenwagen zum Krankenhaus kommen, sondern nur am nächsten Werktag anrufen. Also offenbar harmlos. Ohne Weste hätte ich nie etwas bemerkt und mir zwei Tage Krankenhaus erspart. Dank der Weste entstanden aber Zweifel, ob das Herz wohl in Ordnung ist.

Seither ist dann ein Dutzend Male dies geschehen:

Ich fühle mich wohl und gehe auf dem Bürgersteig von A nach B. Plötzlich gibt die Weste wieder Alarm, mit rotem Bildschirm. Sofort Todesangst und Angst vor Stromschlägen. Druck auf den Knopf. „Behandlung aufgeschoben.“ Weiterhin Angst vor Stromschlägen. Hineinhorchen, was mit dem Herzen ist. Nie habe ich etwas gefühlt; aber die Angst blieb. Meist dann nach einigen Minuten ein zweiter Alarm. Neulich sogar sieben hintereinander in einer halben Stunde. Todesangst, Angst vor Stromstößen, Angst vor der Zukunft mit einem beschädigten Herzen – und bisher stellte sich dann immer heraus, dass es technisch bedinge Alarme waren und das Herz dafür nicht die Ursache war. Aber ich soll die Weste weiterhin tragen. Weil es bei dem einen Mal vielleicht doch eine Rhythmusstörung war und weil das Herz vielleicht doch noch nicht in Ordnung ist.

An anderen Tage treten keine Alarme auf, auch nicht bei längeren Wanderungen. Ich denke an Skinners Tauben im Käfig und versuche Zusammenhänge zu erkennen. Jedesmal, wenn ich einigermaßen zur Ruhe gekommen bin, gibt es dann wieder Alarme.

Und jedesmal dauert es einige Stunden oder Tage, bis die Spezialisten sich das EKG angeschaut und Entwarnung gegeben haben. Auch das geht nicht ohne mich. Laut Firma ZOLL haben meine Ärzte Zugang zu meinen EKGs auf dem Server, aber es gelingt ihnen nicht, einzuloggen. Also muss ich auch noch jedesmal meine EKGs per Mail schicken lassen, was manchmal einige Tage dauert. Tage der Unsicherheit und Sorge über die Zukunft. Ich soll die Weste aber unbedingt weiter tragen, weil man mein Herz noch nicht ganz in Ordnung findet. Demnächst soll wieder ein Katheter hineingeschoben werden.

Inzwischen bin ich ganz unsicher, wenn ich durch die Stadt gehe. Jeden Moment kann es ja wieder soweit sein.

Nach einigen Wochen begannen dann auch andere Meldungen sich zu häufen. Ich muss den Sitz der Weste dann überprüfen (vielleicht weil sie inzwischen nicht mehr gut sitzt) oder die Batterie wechseln (weil ich das am Morgen vergessen hatte). Das ist an sich normal und harmlos; aber diese Meldungen werden genau wie Rhythmusstörungen durch Vibration und einen Ton eingeleitet. Man muss schon sehr genau auf den Bildschirm schauen, um festzustellen, dass diesmal kein Stromschlag droht. Also auch dann Todesangst, und danach Scham über die eigene Dummheit.

Manchmal trage ich die Weste einige Stunden einfach nicht. Dann fühle ich ab und zu Herzklopfen oder Herzrasen, oder vielleicht meine ich auch nur, es zu fühlen. Todesangst. Dann ziehe ich die Weste wieder an. Auch wenn ich sie trage, fühle ich manchmal Herzklopfen. In solchen Momenten gibt sie aber nie Alarm.

Abgesehen von diesen Momenten der Angst werde ich von Tag zu Tag unsicherer.

Freunde raten mir, das Ding einfach auszuziehen. Die Ärzte bestehen darauf, dass ich es weiter tragen muss.

Während ich diese Zeilen schreibe, habe ich wieder starkes Herzklopfen. Die Weste bleibt ruhig. Wie lange noch?

F: Ist die LifeVest komfortabel zu tragen und kann ein normaler Lebensstil beibehalten werden?
A: Die LifeVest ist leicht und einfach zu tragen. So können Patienten ihr alltägliches Leben wie gewohnt weiterführen und haben gleichzeitig die Gewissheit, vor PHT geschützt zu sein. Patienten können mit der LifeVest arbeiten und sogar leichten Sport treiben.

Aug 272015
 

PICT2782.JPGVor Jahren verlangte ein Freund am Ufer der Maas, dass ich ein Buch über Berlin schreiben solle „wie das von Claudio Magris über die Donau“. Eine unmögliche Aufgabe. Ich bin nicht Claudio Magris, und die Donau ist eher länglich eindimensional. Wenn man am Wasserhahn anfängt, aus dem sie entspringt, kommt man von selbst in die Nähe des Schwarzen Meeres, wo sie sich so verästelt, dass man nicht einmal über ein Ende nachdenken muss.

Doch ist dieses Buch nun fertig:

Suche nach der Mitte von Berlin, Nimwegen 2015

ISBN 978-3-7375-6119-8  216 Seiten  €15,00

Einige Gedanken und Erlebnisse, die der Leser von de.rationalitas.eu schon kennt, finden darin ihren Platz in einem größeren Zusammenhang.

Das Buch nimmt den Leser mit auf eine Suche, die janz weit draußen beginnt und sich vorsichtig in einer Spirale herantastet. Wer eine schnelle Antwort sucht (Wo ist denn nun die Mitte?), wird das Buch irritiert wegwerfen. Wer Spaß hat, sich auf eine Erkundung einzulassen, bei der es viel zu entdecken gibt, auch wenn nicht immer klar ist, ob es zum Erreichen des Zieles beiträgt, wer sich über Merkwürdiges und Absurdes verwundern kann, über Zufälle und Analogien, der wird sich mitführen lassen, Bekanntes und Unbekanntes mit frischem Blick anschauen und selbst unerwartete Zusammenhänge entdecken. Auch Zusammenhänge zwischen zopfigen Geschichten von früher und dem, was uns heute beschäftigt.

Jeder weiß, dass man nichts erkennen kann, wenn man zu dicht mit der Nase davor steht. Darum treten die Leute im Museum gerne ein paar Schritte zurück. Was vielleicht nicht jeder gewohnt ist, ist, noch weiter zurückzutreten und beim Nachdenken über das, was man dort hinten betrachten will, auch die Eindrücke von hier vorne, wo man gerade ist, mitzunehmen.

Hier  finden Sie das Inhaltsverzeichnis, Leseproben, Lesermeinungen und mehr.

Aug 122015
 

epubli ist ein modernes Unternehmen, das nicht nur Bücher druckt, sondern auch bei deren Vertrieb hilft. Es ist ganz einfach: Man schreibt ein Buch, zum Beispiel Suche nach der Mitte von Berlin, macht daraus ein PDF, entwirft einen Umschlag, lädt beides hoch, kauft eine ISBN, und der epubli-Computer macht den Rest. Ob sie bei epubli auch Menschen in Dienst haben, merkt man im Normalfall nicht.

Der epubli-Computer empfiehlt, dass man sein Buch in möglichst vielen Kategorien anmeldet, damit Interessenten es leicht finden können. Auch die Wikipedia kennt Kategorien und Unter-Kategorien. Da kann man sich selbst neue, passende Kategorien ausdenken; aber am Besten, man schaut, welche Kategorien bei ähnlichen Einträgen verwendet werden. Der epubli-Computer aber legt einem eine Liste vor. Da kann man nichts ankreuzen, da kann man sich nicht umschauen, da kann man immer nur eine Kategorie auswählen. Die meisten passen gar nicht, einige passen mit Ach und Krach. Erst, wenn man eine Kategorie ausgewählt hat, bekommt man zu sehen, welche Unterkategorien die hat. Manchmal merkt man dann, dass sich epubli bei der Kategorie etwas ganz anderes gedacht hat. Es ist wie ein unbekanntes Gebäude, bei dem man immer mehr Türen aufmachen muss, wenn man verzweifelt etwas sucht. Erst, wenn man sich endlich für eine Kategorie und Unterkategorie entschieden hat, lernt man, dass man noch mehr Kategorien angeben darf. Man irrt also weiter herum, und wenn man so richtig drin ist, erfährt man, dass es jetzt genug ist. Nichts geht mehr.

Bildschirmfoto 2015-08-12 um 14.04.38Ich hatte es mir so gedacht: Architekturkritik, weil mein Buch – unter vielem anderen – kritische Analysen von Bauwerken, Bauprojekten und Plänen enthält, zum Beispiel von Berliner Bahn- und Flughäfen und von Hitlers Plänen zu Germania. Nichtformale Bildung,  weil es meiner Hoffnung noch am nächsten kommt, dass der interessierte Bildungsbürger damit auf unterhaltsame Manier seine Bildung erweitert. Familie und Beziehungen, weil die abscheulichen Vater-Sohn-Konflikte der Hohenzollern und ihre Auswirkungen bis heute ausführlich behandelt werden, Europäische Geschichte, weil Preußische und Deutsche Geschichte nicht angeboten wurden, Reisen in Deutschland, weil Reisen von jwd nach Berlin nicht angeboten wurden.

Gern hätte ich auch noch Philosophie ausgewählt; aber diese Kategorie hatte nur völlig umpassende Unterkategorien.

Dann hoffte ich, dass der eine oder andere, der sich für Gebäude, Bildung, Familiendramas und Zeit und Raum interessiert, auf mein Buch stößt.

Bildschirmfoto 2015-08-12 um 14.08.52Hier kann man es bestellen. Und schauen Sie mal, wie der epubli-Computer das Buch beschreibt!

  • Aus Architekturkritik ist Architektur im Gegensatz zu Kunst geworden.
  • Das Buch ist ein Nachschlagewerk über Lehren geworden. Es wäre ja schön, wenn massenhaft Lehrer es als solches verwenden würden – aber das hätte ich nie zu hoffen gewagt.
  • Meine Kapitel über die schrecklichen Konflikte zwischen Vätern und Söhnen in vergangenen Jahrunderten fallen unter Selbsthilfe für Gesundheit und Wohlbefinden. Auch das hätte ich nie zu hoffen gewagt.
  • Mein Buch handelt unter anderem von europäischer Geschichte; aber nun gilt es als allgemeines, wissenschaftliches Geschichtswerk. Joseph Beuys propagierte einen „erweiterten Kunstbegriff“, und dieser Computer kennt einen erweiterten Wissenschaftsbegriff.
  • Reisen durch Deutschland sind offenbar so wichtig, dass sie als Reisen allgemein verkauft werden. Deutschland über alles!

Mir als Fachmann fallen zwei Erklärungsmodelle für das Verhalten dieses Computers ein.

  1. Entweder bei epubli oder sonstwo hat sich jemand ziemlich kindlich einige Kategorien ausgedacht, möglicherweise auch ungeschickt aus dem Amerikanischen übersetzt. Diese Liste hat der Programmierer dann, weil er sein Fach nicht beherrscht, nicht nur an einer Stelle in Programm geschrieben, sondern an mehreren. Die epubli-Redaktion hat später irgendwann gemerkt, dass die Liste nicht gut funktioniert, und eine andere Einteilung in Kategorien beschlossen. Der Programmierer hat die alte Liste nur an einer Stelle im Programm durch die neue ersetzt und es an der anderen Stelle vergessen.
  2. Oder dies ist ein hoffnungsvolles Beispiel künstlicher Intelligenz. Niemand hat dem Computer Kategorien beigebracht. Er beginnt mit einer zufälligen Liste und ist so programmiert, dass er aus Erfahrung lernt. Wie ein Kind wiederholt er in eigenen Worten, was er verstanden hat: „Familie, also Selbsthilfe und Wohlfühlen, klar.“ Vielleicht wird ein ein paar Jahren ja noch was draus.

 

Einen Tag später

epubli hat schnell geantwortet, und die Antwort verschafft neue Einsichten. Es geht um ein drittes Erklärungsmodell.

Erstens schreibt epubli, dass es um die internationalen BISAC-Kategorien geht. Nachforschung ergibt:

  • Diese Kategorien sind eine von vielen denkbaren Möglichkeiten, die Regale in einer Buchhandlung zu organisieren. Wenn man vor einer Regalwand steht, die entsprechenden Schildchen im Blick hat und die Buchrücken studieren kann, kann man damit etwas anfangen. Wenn alle Buchhandlungen ihre Regale so organisieren würden, würde man sich schnell daran gewöhnen.
  • Kategorien, die einen Baum von Unterkategorien haben, sind aber auch problematisch. Gehört meine Kritik am Rotterdamer Bürohaus von Renzo Piano bei Architektur unter Kritik, unter bestimmte Architekten oder unter Gebäude? Das Problem kennt man aus Buchhandlungen und Bibliotheken. Bei elektronischen Buchhandlungen und Bibliotheken wäre es kein Problem: Man gibt einfach alles an, was passt. Aber bei epubli darf man nur maximal fünf Angaben machen, was bei manchen Büchern zu wenig ist, wenn man sinnvolles Finden ermöglichen will. Wenn die Kategorien dem Finden dienen sollen, ist nicht einzusehen, warum man nicht so viele angeben darf, wie nötig. Der Computer kann das doch alles prima regeln.
  • Der epubli-Computer bietet nicht alle BISAC-Kategorien und -Unterkategorien an, sondern nur eine Auswahl. Und im Gegensatz zur Regalwand im Buchladen zeigt er nicht alles im Überblick, sondern man muss sich schrittweise blind durch den Baum tasten. Erst wenn man „ein Türchen öffnet“, sieht man, dass dahinter vielleicht gar nicht ist, was man erhoffte.

Technisch wäre dem, wenn schon die BISAC-Kategorien verwendet werden sollen, leicht abzuhelfen: Man müsste auf einer Seite alle Kategorien und Unter-Kategorien zeigen, und zwar so, dass sie der Benutzer auf- und zuklappen kann, aber immer alles zusammen im Blick hat, was er im Blick haben will. Und er müsste da ankreuzen können, was ihm sinnvoll erscheint.

Zweites schreibt epubli: „Die Händler nutzen für die Listung in den Shops in der Regel nicht diese BISAC-Kategorien, sondern listen die Veröffentlichungen in eigenen Kategorien, die von Shop zu Shop unterschiedlich sein können.“

  • Bei kleinen Buchhändlern mit einem liebevoll organisierten Laden war das schon immer so. Der Buchhändler schaut sich ein neues Buch genau an – das ist das Wichtigste an seinem Fach – und stellt es genau da hin, wo seine Kunden es suchen würden. Wenn ihm der Schalk im Nacken sitzt, stellt er auch mal das Kochbuch „1000 Schnellgerichte“ zwischen die juristischen Werke.
  • Bei elektronischen „Shops“ und Mega-Buchhandelsketten funktioniert das natürlich ganz und gar nicht. Da wird nicht von einem gebildeten Fachmann ein einzelnes Buch angeschaut und eingeordnet. Da werden ohne Sinn und Verstand ganze Kategorien aus einem System abgebildet auf Kategorien aus einem anderen, zum Beispiel „Familie“ auf „Wohlbefinden“ und „Selbsthilfe“. Das ist natürlich das amerikanische Weltbild.  Im Skandinavien von Ibsen, Hamsun und Lars von Trier käme etwas anderes dabei heraus.
  • Offensichtlich findet epubli es ganz normal, dass der eigene Computer das auch so macht. Dessen linke Hand weiß nicht, was die rechte tut. Und der Autor blickt dann stumm auf dem ganzen Bildschirm rum.
  • epubli fühlt sich offenbar nicht gerufen, wenigstens mit dem eigenen System etwas vorbildliches anzubieten. Nein, dem Autor wird geraten, herumzuprobieren, bis der Schmerz nachlässt. – Aber so ist es ja fast überall. „Der Computer kann es nicht anders.“
Jun 222015
 

Hintergrund

Nach dem Dreißigjährigen Krieg führten der Große Kurfürst und seine niederländische Frau im Kurfürstentum Brandenburg eine regelrechte Verniederlandisierungcampagne durch: Niederländische Menschen, niederländisches know-how, niederländische Normen und Werte wurden ganz bewusst importiert. Die Entwicklung Brandenburg-Preußens zu einem der modernsten Staaten Europas und zu einer Großmacht haben hier ihre Wurzeln.

Obgleich Brandenburg mit seiner damaligen Hauptstadt Berlin weit weg liegen, gehörte auch die Gegend um Kleve und – viel weiter östlich – die Gegend um das heutige Kaliningrad zum Gebiet dieses Herrschers. Noch heute laufen interessante Linien von den Niederlanden über Kleve nach Berlin und weiter nach Osten.

Noch heute sind in Deutschland diese alten niederländischen Einflüsse gut zu spüren – wenn man erst einmal danach sucht.

Die damaligen Fürstentümer verhielten sich zum damaligen Kaiserreich ähnlich wie die modernen europäischen Staaten zur EU. Die damaligen absolutistischen Fürstentümer ähnelten aber auch Familienfirmen, wie wir sie kennen aus der Zeit von Freddy Heineken, Albert Heijn, Vroom & Dreesman, C&A Brenninkmeijer.

Dazu kamen dann noch notorische Vater-Sohn-Konflikte in der Dynastie der Kurfürsten von Brandenburg, die zu Königen von Preußen und zuletzt zu Kaisern aufstiegen.

Als all diesem kann man viel über unsere heutige Zeit lernen. Ganz besonders, weil nun wieder viele Niederländer nach Deutschland ziehen, diesmal nach Kranenburg und Umgebung.

Dieses Thema eignet sich aber auch dazu, ein lebhaftes Gespräch zwischen den Teilnehmern zu entfesseln. Nach aller Erfahrung wollen die Teilnehmer danach mehr: zum Beispiel eine Historische Exkursion durch die Klever Umgegend, nach Haus Doorn oder durch Berlin und Potsdam.

Form

Ich denke nicht an einen Vortrag in einem Saal, sondern an eine Form, die sich bei diesem Thema schon vielfach bewährt hat in Nimwegen, in einem CulturSalon im Bergischen Land und in Berlin: Ein kulturelles Abendessen mit verschiedenen Einlagen. Es ist natürlich auch ein Anklang an die Tafelrunde von Sanssouci.

  • Maximal 12 bi 14 Teilnehmer, damit ein Tischgespräch möglich bleibt.
  • Keller des Katharinenkonvents
  • Ein Essen mit vier Gängen und Wein:
    • lecker, aber preußisch-sparsam, also gut bereitet aus Zutaten, die man sich damals leisten konnte
    • zB
      • ostpreußische Rore-Beete-Suppe,
      • etwas aus dem Kochbuch des Soldatenkönigs
      • Königsberger Klopse
  • Musik die in drei bis fünf Einlagen den Bogen spannt vom Dreißigjährigen Krieg bis Frühklassik, zum Beispiel
    • Hier einige Beispiele, um eine Idee zu geben:
      • eine Battaglia aus dem Frühbarock (oder, warum  nicht, etwas von Dowland)
      • etwas von Händel (Lieblingskomponist des Soldatenkönigs)
      • etwas mit dem Thema des Musikal. Opfers (zB einen Kanon)
      • einen Satz aus einer Flötensonate Friedrichs des Großen
  • Eine weiße Wand, auf die einige Bilde projiziert werden können. (Die Teilnehmer brauchen nicht alle dauernd die Bilder zu sehen. Es genügt, wenn sich einige Teilnehmer ab und zu zur Seite drehen, um hinzuschauen. Wenn das nicht geht, können die Bilder auch auf Papier ausgeteilt werden. Es ist kein Lichtbildervortrag – nur hin und wieder wird eine Schlüsselperson gezeigt.)
  • Ablauf:
    • ab 18:00 Die Teilnehmer tröpfeln ein und lernen sich im Stehen bei einem Aperitif kennen
    • auf einem Büchertisch liegen einige Bücher zum blättern. H.W. lenkt das Gespräch aufs Thema
    • 18:30 oder 19:00 Einstimmung mit Musik aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges
    • Am Tisch: Wein und Einleitung. Man kann sich von einem Vorspeisenteller bedienen.
    • Moderiertes Gespäch
    • Musik
    • kurzer Vortrag, der in ein Gespräch übergeht
    • nächster Gang, dabei Gespräch
    • und so weiter
    • Abschließend Kaffee evtl. wieder im Stehen, ganz kurzes Nachgespräch

 

Feb 272015
 

Der heftig umstrittene, Milliarden teure Reaktor Kalkar, ein schneller Brüter, ging nie in Betrieb. Es gab Bedenken, was die Sicherheit betraf, und irgendwann waren die Computer veraltet, bevor sie je eingeschaltet wurden. Danach kaufte ein Betreiber von Vergnügungsparks die gesamte Anlage und betrieb sie als „Kernwasser-Wunderland„.

"Kernie", die Symbolfigur von Kernwasser-Wunderland auf dem wie meist leeren Parkplatz

„Kernie“, die Symbolfigur von Kernwasser-Wunderland auf dem wie meist leeren Parkplatz

Laut Reklame konnte man dort viel erleben und hochmoderne Technik von ganz nah bewundern.

Ich erinnere mich an meine erste Erkundungstour. Der Parkplatz war leer; aber mit uns kam ein Bus an. Als ich mir im Empfang die Prospekte anschaute, kam ein alter Mann aus dem Bus und verlangte: „Fünfundvierzig Mal das Sonderangebot für Rentner: Kaffee und ein Stück Kuchen mit Ausblick auf die Anlage.“

Inzwischen heißt diese historische Ruine nicht mehr „Kernwasser-Wunderland“ sondern „Wunderland Kalkar“, und nur im Angebot für Senioren kommt noch ein Bild vor, das zeigt, was da geplant war und gebaut wurde: http://www.wunderlandkalkar.eu/de/65-senioren Kein junger Mensch weiß mehr, was ein Fusionsreaktor ist.

Bildschirmfoto 2015-02-27 um 09.48.46

http://www.wunderlandkalkar.eu/de/65-senioren

 

 

Und nun schauen Sie mal hier: http://www.berlin-airport.de/de/reisende/erlebnis-flughafen/flughafentouren/erlebnis-ber/index.php

 

Schöneflug-Wunderland

Schöneflug-Wunderland

 

 

Der Postillion schreibt voraussehend: http://www.der-postillon.com/2015/02/archaologen-entdecken-historische-ruine.html

http://www.der-postillon.com/2015/02/archaologen-entdecken-historische-ruine.html

http://www.der-postillon.com/2015/02/archaologen-entdecken-historische-ruine.html

Bei beiden Projekten wusste man genau, was man erreichen wollte (utilitas), aber es gelang irgendwie nicht (firmitas), weil man nicht verstand, wie man so etwas konstruieren muss.

Feb 192015
 

Ein treffendes Motto für unsere heutige Zeit ist wäre:

So sehr wir uns auch bemühen – nichts passt zusammen.

Einige Brandenburger Erfahrungen des heutigen Tages passten paradoxerweise genau zu diesem Motto.

 

1. Moderne Kommunikationstechnik

Anlässlich eines Treffens mit einen wichtigen Ehrengast soll ich einer Gruppe von Menschen eine neu geschaffene Internetpräsenz demonstrieren. Ich habe mir dazu Gedanken gemacht und Einiges vorbereitet. Mir wurde versichert, dass ein Saal mit Internet und Beamer zur Verfügung stünde – in einem ganz neu gebauten Potsdamer Museum.

Auf meine Frage, ob das Internet dort über WLAN oder aber über ein Kabel verfügbar sei, erhielt ich die Antwort, dass es dort kein WLAN gäbe. Aus Erfahrung klug geworden, fragte ich noch einmal, ob es denn überhaupt Internet gäbe. Daraufhin erhielt ich die Telefonnummer des Sekretariats des Museums.

Die Sekretärin teilte mir mit, dass ein Saal mit Beamer und Laptop für uns gemietet sei. Auf meine Bemerkung, ich würde meinen eigenen Laptop mitbringen, bekam ich zu hören, dass das ausgeschlossen sei: In diesem Museum spielt die ganze Infrastruktur auf empfindliche Weise zusammen, und da darf man unter keinen Umständen etwas Eigenes einstöpseln. Ja, aber ob es denn das versprochene Internet gäbe? Nein, Internet gäbe es in dem Saal schon mal gar nicht.

Halten wir fest: Da es kein Internet gibt, besteht diese empfindliche Infrastruktur, an der man nichts verändern darf, also aus einem Laptop mit einem Beamer. Jedenfalls ist es ausgeschlossen, einen USB-Stick zuzufügen, der Internet aus dem GSM-Netz fischt.

Immerhin wurde ich mit einem Haustechniker verbunden. Der bestätigte, dass es am 24. Februar in dem Saal ganz sicher kein Internet geben würde. Im März wohl, aber schneller nicht, es sei denn, ich hätte ein Login ins interne Netz der Potsdamer Stadtverwaltung; aber auch dann käme ich nicht auf eine x-beliebige Webseite, nur in die Stadtverwaltung. Wer eine Internetpräsenz demonstrieren wolle, solle doch einfach alle Seiten auf einen Memory-Stick herunterladen. Ach so – eine Datenbank mit php und SQL? Nein, dann geht es eben nicht.

Ich habe nicht gesagt, dass heutzutage schärfstens von Memory-Sticks abgeraten wird, weil gerade die für schlimme Viren sorgen können.

Inzwischen beschäftigen sich allerlei Menschen mit dem Problem, die nicht verstehen, was ich eigentlich mit welcher Dramaturgie und welchen Absichten interaktiv demonstrieren will, und die auch keinen Überblick über die technischen Möglichkeiten haben. Sie treiben mich mit ihren gut gemeinten Vorschlägen in den Wahnsinn.

2. Die Bahn und der Flughafen

BER_Direktverbindungen

Karte 1. Nach BER gibt es etliche Direktverbindungen

Ich wollte bei sbahnberlin.de nachschauen, ob heute oder in den nächsten Tagen die Lokführer streiken werden. Dazu vermeldet die S-Bahn kein Wort; aber mit einem Klick findet man Karte 1, die erfreuliche Hoffnungen weckt. Man kann da also hin, heute schon, zum Beispiel mit der U9: Zum Geisterflughafen BER.

Aber der Zugauskunft-Computer der S-Bahn kennt keinen BER. Nicht einmal ein Bus fährt dort hin.

Das aktuelle Liniennetz mit dem schönen Namen VBB-Liniennetz_tunnelsperrung zeigt dagegen die Strecken zum neuen Flughafen BER als „im Bau“. Das ist eklatant falsch; denn diese Strecken sind das Einzige, das wirklich fertig ist. Sie werden sogar befahren – mit menschenleeren Zügen, um die Bahnhöfe zu ventilieren.

3. Die Bahn und ihre eigenen Anzeigen

Ich will um 13:21 von Berlin-Schönefeld über den Außenring nach Griebnitzsee. Um 13:19 erreiche ich den richtigen Bahnsteig, aber die Anzeigetafel lautet:

13:21
GOLL
POTSDAM PARK S NSSOUC
P O T S D A M    H B F

Goll, nicht Golm, aber das kann ja passieren. Jedenfalls fährt der Zug laut Anzeige nur bis Hauptbahnhof, nicht weiter bis Griebnitzsee. Auf dem Bahnsteig stehen zwei Bahnbeamtinnen. Die eine redet durch das Fensterchen mit dem Lokführer, die andere mit einem Reisenden. Es gelingt mir nicht, Aufmerksamkeit zu erregen und nachzufragen. Im letzten Augenblick steige ich in den Zug.

Dort ergibt sich wenig später, als wir an der fertiggestellten Strecke nach BER vorbeifahren, folgender Dialog:

 

Die Fahrkarten bitte!

Hier, bitte! Wohin fahren wir denn eigentlich?

???

Im Internet und auf den Abfahrtsplakaten steht „Griebnitzsee“, aber auf der Anzeige über dem Bahnsteig stand „Hauptbahnhof“. (Den Satz hatte ich mir vorher gut überlegt; ich bin schließlich Lehrer.)

Wir fahren nach Griebnitzsee. Wenn Sie nach Hauptbahnhof wollen, sitzen Sie im falschen Zug.

Auf der Anzeige stand aber Potsdam Hauptbahnhof. Das will ich Ihnen sagen.

Wohin wollen Sie denn?

Sie hören überhaupt nicht zu.

Ich höre sehr gut zu – wenn man sich klar ausdrückt.

Also noch einmal: Im Internet und auf den Abfahrtsplaketen steht „Griebnitzsee“, aber auf der Anzeige über dem Bahnsteig stand „Potsdam Hauptbahnhof“. 

Ach, Potsdam, ich dachte, Sie wollten nach Berlin Hauptbahnhof.

Es geht um die Anzeige. Wenn dieser Zug nach Griebnitzsee fährt, stimmt die nicht.

Samstags und sonntags nur bis Hauptbahnhof. Das haben Sie falsch verstanden!

Auf der Anzeige über dem Bahnsteig steht doch heute nichts von Samstag und Sonntag. (Ich bilde die Anzeigetafel mit den Händen in der Luft aus.)

Doch, da haben Sie falsch hingeschaut. Da steht Samstag und Sonntag.

Nein, ich meine nicht das Plakat, sondern diese Tafel. 13:21.

Da stand Griebnitzsee. Ich stand ja auf dem Bahnsteig und habe das deutlich gesehen!!!

 

Eigentlich sagt sie mir damit: Unsere Anzeiger stimmen immer; aber ihr Gehirn stimmt nicht. Oder kann man das anders verstehen?

4. Brandenburg bekämpft die Neonazis

An der Pforte zum Brandenburger Landtag im neu gebauten Schloss sage ich wie schon öfters: „Ich möche gern auf die Dachterrasse und ins Restaurant, wenn das heute geht.“ Der Pförtner macht auf.

Das hält an dieser Pforte ganz genau. Besucher müssen links herum durch eine Tür, Abgeordnete rechts herum durch eine andere Tür. Dahinter trifft man in der Eingangshalle wieder zusammen, aber wer durch die falsche Tür geht, bekommt einen Anpfiff. Ich kenne das und mache keinen Fehler.

Drinnen kommt ein anderer Pförtner und bittet mich sehr höflich, doch meine Jacke auszuziehen und zur Garderobe zu bringen. Er geht vor und reicht mir sogar einen Kleiderbügel an. „Aber warum?“

Bomberjacken sind im Landtag verboten.

Ich, 64 Jahre, trage eine grüne, gefütterte Jacke mit Strickbündchen, weil die leicht und warm ist. Es gibt nirgendwo einen Auftruck, nicht mal ein Markenzeichen. Aber das darf man hier aber nicht, weil das laut Pförtner eine verbotene Bomberjacke ist. „Und was mache ich auf der Terrasse?“

Weil es dort kalt ist? Ja, dann geht das leider nicht.

Also im Hemd ins Landtagsrestaurant. Auf dem Weg treffe ich eine Bekannte, die dor arbeitet. Sie sagt: „Aber das gilt doch nur für Jacken mit Aufdruck oder irgendwelchen Zeichen.“ Sie greift aber nicht ein.

Jedenfalls ist es gut, dass der Brandenburger Landtag energisch etwas gegen diese Neonazis unternimmt!

 

Nov 282014
 

Nette Menschen wie du und ich demonstrieren mit ihren Kindern. (Quelle: http://demofueralle.wordpress.com/service/demo-22-nov-14/fotos/)

Wie fühlt man sich als Kind in diesem Alter in so einem Demonstrationszug, umgeben von Polizei und schreiende Gegendemonstranten?

Waren Sie, lieber Leser, als Kind so erzogen, dass Sie keine Fragen stellten, wenn die Eltern Sie zu beunruhigenden Ereignissen mitnahmen? Oder bekamen Sie Erklärungen? Haben die Eltern auf dem Bild den Kindern auf dem Bild erklärt, wogegen sie hier demonstrieren? Wie haben sie das denn wohl erklärt? Wie würden Sie so etwas Ihren Kindern erklären?

Hier ein Flugblatt dieser Demonstration:

1723799_406395799523386_2166942995976570718_n

Manche der Kinder auf der Demo können schon lesen. Die Eltern, die hier demonstrieren, und mit ihnen ein paar Hunderttausend deutsche Eltern, glauben das wirklich! Also noch einmal: Wie würden Sie an deren Stelle so etwas Ihren Kindern erklären?

Wollen Politiker der SPD und der GRÜNEN wirklich genau diese „Bildungsziele“ verwirklichen?

In der Drucksache 17/1333 des Niedersächsischen Landtages, 17. Wahlperiode, steht der Antrag dieser Parteien:

Der Landtag beauftragt die Landesregierung:

  1. In die Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte werden qualifizierte Angebote aufgenommen, durch die die Lehrkräfte für die Diversität der sexuellen und geschlechtlichen Identitäten sensibilisiert und für den Umgang mit der Vielfalt qualifiziert werden.
  2. Die angemessene Berücksichtigung der Vielfalt sexueller Identitäten wird auch zum Kriterium für die Genehmigung von Schulbüchern. Die Schulbuchverlage sind gefordert, in den Schulbüchern und Materialien für den Sexualkundeunterricht sowie alle anderen Fächer die Vielfalt sexueller und geschlechtlicher Identitäten zu berücksichtigen, angemessen zu behandeln und abzubilden.
  3. Die Kerncurricula aller Klassenstufen sind dahin gehend zu überprüfen und gegebenenfalls zu ergänzen, dass die Thematisierung der Existenz und Lebenswirklichkeit von Menschen verschiedener sexueller Identitäten hinreichend Berücksichtigung und angemessene Behandlung finden.
  4. Die Schulen werden dabei unterstützt, mit Initiativen wie SchLAu Niedersachsen Schulaufklä- rungsprojekte durchzuführen, die eine Begegnung mit Menschen unterschiedlicher sexueller und geschlechtlicher Identität ermöglichen. Die Netzwerkarbeit von SchLAu Niedersachsen wird vom Land unterstützt.
  5. Die Schulen werden aufgefordert, sich im Rahmen ihrer Schulprogramme auch mit der Vielfalt sexueller und geschlechtlicher Identitäten auseinanderzusetzen.
  6. Die Schulen werden aufgefordert, im Rahmen von Anti-Mobbing-Konzepten auch Konzepte gegen Abwertung und Ausgrenzung gleichgeschlechtlich orientierter, transidentischer oder intersexueller Menschen zu entwickeln. Die Schulen werden dabei unterstützt, sich nach dem Vorbild nordrhein-westfälischer Schulen zu Projektschulen „Schule der Vielfalt – Schule ohne Homophobie“ zu entwickeln.

Hier die ganze Drucksache: SexVielf-Nds Sie enthält auch eine sorgfältige Begründung.

Die demonstrierenden Eltern können sich nichts anderes vorstellen, als dass diese Bildungsziele erreicht werden, indem man Kindern Analverkehr und Spermaschlucken beibringt und sie anleitet, das auch zu tun, worauf die Kinder massenhaft liebesunfähig werden und an AIDS erkranken. Diese Eltern haben sich das selbst ausgedacht, denn es steht ja nicht im Antrag. So funktioniert deren Geist. Das ist das Bild, das sie von unserer Regierung, den Parteien und vor allem unseren Lehrern haben. Da sagt niemand: Das ist doch Unsinn! Da fragt niemand: Ist das wirklich gemeint? Da geht man auf die Straße, mit den eigenen Kindern als menschlichem Schutzschild.

Diese Menschen, die auch in Internetforen und Talkshows vertreten sind, machen mir Angst.

Erstens, weil sie so etwas ernsthaft glauben und sich von Gleichgestimmten immer mehr Angst einreden lassen. Mit Argumenten kommt man dagegen nicht mehr an.

Zweitens, weil sie so wenig Vertrauen in Staat und Gesellschaft, vor allem in die Lehrer, haben, dass sie tatsächlich für möglich halten, dass es soweit kommt.

Drittens, weil sie ihrem elterlichen Einfluss auf die eigenen Kinder so schwach finden, dass die Kinder den Faszinationen des Spermaschluckens und des Analverkehrs erliegen würden. Und dass sie diese schwachen Kinder dann auf solche Demonstrationen mitschleppen. Was werden das einmal für Menschen werden?

Viertens fühle ich mich als jemand, der dieses Bildungsanliegen der Parteien unterschreibt, auf Übelste verleumdet durch diese krankhafte Interpretation meines Anliegens durch perverse Gehirne. Bitte lesen Sie das Flugblatt noch einmal. Da steht „genau dies“ wollte ich. Und ich fühle mich hilflos.

 

 

Nov 122014
 

PKW-Maut-3

P1. Eines der vielen Probleme, das Deutschland hat, ist fehlendes Geld für die Reparatur von Straßen. Solch ein Problem kann man auf zwei extrem verschiedene Weisen lösen: Entweder, man entscheidet sich, dass der Staat nun einmal Verkehr ermöglichen muss, und finanziert die Straßen aus dem allgemeinen Steueraufkommen, wozu man notfalls die Steuern erhöht. Das führt automatisch zu immer mehr Verkehr. So geschieht es mit Fußwegen und Radwegen. Oder man folgt dem Prinzip „der Verursacher bezahlt“ und lässt jeden Autofahrer für jeden gefahrenen Kilometer bezahlen, ähnlich wie man auch Strom und Trinkwasser nach Verbrauch bezahlen muss. Dazu muss man den Verbrauch jedes Fahrzeugs genau messen. Bei LKWs geschieht das inzwischen. Man kann sich auch allerlei Mischformen vorstellen. Eine gute Lösung auch für PKWs zu finden ist Problem eins. Die Autobahnvignette, wie sie in vielen Ländern üblich ist, ist eine Notlösung für eine Mischform und hat einige Nachteile.

P2. Ein Problem, das die meisten Parteien haben, ist, dass kaum noch jemand sie wählen will. Da braucht man Ideen, die die Wähler ansprechen. Da niemand mehr versteht, wie unsere komplizierte Welt funktioniert und was die Regierung eigentlich macht, das Wahlvolk immer ungebildeter wird und die Medien immer kommerzieller, kann man eigentlich nur noch mit Populismus Wahlen gewinnen. Das ist Problem zwei.

P3. Ein Problem, das viele Autofahrer haben, ist, dass sie in den südlichen Nachbarländern Autobahnvignetten kaufen müssen, während die Ausländer in Deutschland gratis herumfahren dürfen. Das kränkt den Primaten hinterm Steuer ganz unabhängig davon, ob es sinnvoll ist oder nicht. Dieses verhaltenspsychologische Symptom ist Problem drei.

Die CSU hat sich nun etwas ausgedacht, das alle drei Probleme gleichzeitig löst: Ausländer sollen bezahlen, wenn sie in Deutschland herumfahren. Das bringt erstens das nötige Geld, spricht zweitens die Wähler an, weil endlich etwas Nützliches versprochen wird, was man sich ohne viel Mühe vorstellen kann, und es schröpft drittens endlich mal die arroganten Ausländer, denen Deutschland so viel Geld hinterherwirft.

(P1 P2 P3) L. Eine überzeugende Lösung für drei Probleme zugleich: die PKW-Maut für Ausländer!

Aber eben in dieser Vignetten-Mischform: nicht der echte Verbrauch wird berechnet, sondern wer überhaupt in Deutschland herumfahren will, muss einen einmaligen Betrag bezahlen.

Leider ergeben sich daraus zwei neue Probleme, also zwei Lösungsprobleme:

(P1 P2 P3) L P4. Erstens darf man, vereinfacht gesagt, in der EU Ausländer nicht anders behandeln als Einheimische, also müssen auch die die Maut bezahlen, wodurch die Lösungen von Problem zwei und drei weiter wegrücken. Das ist Lösungsproblem P4.

(P1 P2 P3) L P5. Zweitens werden dann viele Ausländer nicht mehr zum Einkaufen und Essen mal eben über die Grenze nach Deutschland fahren, wodurch im Grenzbereich Unternehmen in Schwierigkeiten kommen und das Gewerbesteueraufkommen sinkt, wodurch neue finanzielle Probleme entstehen, die die Lösung von Problem eins unwahrscheinlich machen. Das ist Lösungsproblem P5.

(P1 P2 P3) L (P4 P5). Wenn ein Lösungsproblem oder hier sogar ihrer zwei so groß werden, dass die Lösung der ursprünglichen Probleme unwahrscheinlich wird, sollte man die Lösung verwerfen und eine neue, bessere suchen. Zurück zur Frage: „Was ist denn eigentlich das Problem?“

Aber dies geschieht nicht. Stattdessen verbeißt sich der Verkehrsminister in die beiden Lösungsprobleme einzeln.

((P1 P2 P3) L P4) L1. Die Lösungsproblemlösung L1: Ja, alle, auch die einheimischen Autofahrer müssen die PKW-Maut bezahlen, damit die EU nicht meckert. Aber die Einheimischen bekommen sie über eine Senkung der Autosteuer zurückerstattet. Das ist leicht durch eine allgemeine Steuersenkung zu realisieren.

((P1 P2 P3) L P5) L2. Die Lösungsproblemlösung L2: Ausländer, die nur mal schnell über die Grenze zu ALDI wollen, brauchen nichts zu bezahlen. Das ist leicht zu realisieren, indem die PKW-Maut nur auf Autobahnen fällig ist.

Leider kollidieren jedoch diese beiden Lösungsproblemlösungen.

((((P1 P2 P3) L P4) L1) (((P1 P2 P3) L P5) L2)) (P6 P7). Wenn die Maut nur bei Autobahnbenutzung fällig ist, braucht sie von denjenigen Inländern nicht bezahlt zu werden, die nie Autobahn fahren. Aber die bekommen dennoch über Steuererleichterungen die Maut, die sie nicht bezahlen, zurückerstattet. Das ist erstens ungerecht (P6) und kostet zweitens Geld (P7): zwei neue Lösungsproblemlösungsprobleme.

(((((P1 P2 P3) L P4) L1) (((P1 P2 P3) L P5) L2)) (P6 P7)) L3. Die auf der Hand liegende Lösungsproblemlösungsproblemlösung L3 ist, die Maut auf allen Straßen zu erheben.

(((((P1 P2 P3) L P4) L1) (((P1 P2 P3) L P5) L2)) (P6 P7)) L3 P8. Aber dann müssten ja die Ausländer, die nur mal einkaufen und essen wollen, doch bezahlen (P8).

((((((P1 P2 P3) L P4) L1) (((P1 P2 P3) L P5) L2)) (P6 P7)) L3 P8) L4. Die Lösungsproblemlösungsproblemlösung L4 hierzu ist, dass die PKW-Maut, die auch auf Bundes- und Landstraßen fällig ist, dort nicht erhoben wird. Das ist wie in den Niederlanden, wo Haschisch gesetzlich verboten ist, aber die Regierung angeordnet hat, dass der Verkauf dennoch geduldet wird.

Also: Alle einheimischen Autofahrer bekommen Steuererleichterung, damit sie die für alle verpflichtete Maut bezahlen können. Unterm Strich ändert sich für die nichts. Alle Ausländer dürfen auf Bundes- und Landstraßen kostenlos herumfahren, obwohl das eigentlich verboten ist; aber auf der Autobahn müssen sie Maut bezahlen.

Diese Lösungsproblemlösungsproblemlösung löst überraschenderweise ein ganz anderes Problem, für das sie gar nicht gedacht war: Potentielle Revolutionäre können nicht mehr auf dumme Ideen kommen, weil ihre Energie und Kreativität völlig von dieser PKW-Maut aufgeschluckt wird.

Sie führt aber leider zu zwei neuen Lösungsproblemlösungsproblemlösungsproblemen:

((((((P1 P2 P3) L P4) L1) (((P1 P2 P3) L P5) L2)) (P6 P7)) L3 P8) L4 P9. Erstens ist die ganze Geschichte nun so komplex geworden, dass die nötigen Kontrollen den Gewinn fast gänzlich aufzehren (P9), wodurch Problem P1 wahrscheinlich gar nicht mehr gelöst wird. Außerdem lässt jede Investierung in die Vignettenlösung eine grundlegende Lösung nach dem Prinzip „Der Verursacher bezahlt“ weiter in die Ferne rücken. Das ist aber nicht so schlimm, weil außer dem ADAC und ein paar Querulanten niemand mehr das ursprüngliche Problem im Blick hat.

Dieses Problem lässt sich nicht mehr lösen, weil die einzig wirksame Lösung („Hören Sie auf mit dem Unsinn!“) von Gysi vorgeschlagen wurde, wodurch sie für Regierung und Parlamentsmehrheit unakzeptabel ist.

((((((P1 P2 P3) L P4) L1) (((P1 P2 P3) L P5) L2)) (P6 P7)) L3 P8) L4 P10. Zweitens bricht die Welt um uns herum in aller Ruhe zusammen (P10), während sich Parteien und Regierung nur noch mit diesem Unsinn beschäftigen und von niemandem mehr ernst genommen werden. Staat ade!