Hanno Wupper

Okt 292014
 

Buntfischidea.de und wörtlich fast gleich kath.net schreiben:

Stuttgart (idea) – Die „Gender-Ideologie“ bekommt politischen Gegenwind.

Über den Sinn und Unsinn solcher Anführungszeichen hat rationalitas schon früher berichtet (Was will die Berliner FDP uns eigentlich sagen?). Also diesmal nur zum Inhalt! Aber was ist der Inhalt?

Ich kannte bis heute den Begriff Gender-Ideologie nicht, habe aber neulich gelernt, dass die zwanghafte Verwendung von „Studentinnen und Studenten“ oder „Studierende“ statt der einfachen Mehrzahl „Studenten“ „gendern“ genannt wird. Ein Student ist männlich, eine Studentin weiblich, und seit Frauen überhaupt studieren dürfen, bezeichnete die Mehrzahl „Studenten“ Studierende beiderlei Geschlechts. Inzwischen herrscht jedoch eine Ideologie, nach der diese beide Geschlechter umfassende Semantik des Wortes „Studenten“ verwerflich wäre. Die Welt soll dadurch besser werden, dass Politiker und Journalisten bei jeder sich bietenden Gelegenheit die redundanten Silben „Studentinnen und Studenten“ aussprechen, und wehe, man macht dabei einen Fehler. Wenn man in den Niederlanden lebt und dieses Spiel von außen betrachtet, wirkt es tragikomisch. Aber, ja, wenn diese geisttötende Pflichtübung „gendern“ heißt, könnte man wirklich von einer „Gender-Ideologie“ sprechen, und politischer Gegenwind wäre erfrischend.

Aber idea.de meint anscheinend etwas anderes und fährt fort mit der Erklärung:

Sie besagt, dass jeder Mensch unabhängig von seinem biologischen Geschlecht wählen kann, als Mann oder Frau zu leben.

Dunkel ist der Rede Sinn. So ein Satz ist geeignet, Menschen, die nicht klar denken, Angst zu machen; aber als Definition ist er viel zu trübe. Es fängt damit an, dass „können“ mindestens drei verschiedene Bedeutungen haben kann. Raben können weiß sein, weil bei ihnen Albinismus vorkommt; aber der einzelne Rabe hat keine Wahl. Ich kann gehen, aber nicht fliegen, weil letzteres Menschen physikalisch unmöglich ist. Ich kann ins Konzert gehen, kann es aber auch lassen. In einer Definition einer Ideologie würde man einen Begriff wie „muss das Recht haben, zu…“ erwarten. Sollte das gemeint sein? Dann müsste man lesen: „Die Gender-Ideologie besagt, dass jede Frau das Recht hat oder haben sollte, als Mann zu leben und jeder Mann das Recht, als Frau zu leben.“ In einem Land wie Saudi-Arabien würde das Sinn ergeben. Da unterliegt das Leben von Frauen bis in kleinste Einzelheiten strengen Vorschriften, und es ist verboten, dass eine Frau sich kleidet und frei bewegt wie ein Mann. Hier in Westeuropa jedoch kleiden und rasieren sich viele Männer androgyn, Frauen tragen regelmäßig Hosen, bewegen sich völlig frei und ergreifen immer mehr Männerberufe. Nicht aus Ideologie, sondern weil sie es furchtbar gern wollen. Eine winzige Minderheit von Männern trägt gern Frauenkleider, und das ist schon lange nicht mehr verboten.

Wenn es so eine Gender-Ideologie gäbe, was würde die denn hier bei uns eigentlich wollen? Dass Männer auch zu Gynäkologen gehen und ins Klimakterium kommen? Oder dass Frauen stehend ihr Wasser lassen?

Keine respektable Zeitschrift sollte ihren Lesern solch eine schwammige Definition zumuten.

Wir lesen weiter:

Die Fixierung auf soziale Rollen, etwa als Mutter und Hausfrau, sei auf die Erziehung zurückzuführen und müsse überwunden werden.

Mutter sein ist doch wohl mehr eine biologische Funktion als eine soziale Rolle. Ansonsten ist dies der erste verständliche Satz des Artikels. Das wichtigste Wort ist „Fixierung“.

Seit Jahrtausenden ist die Macht ja ungleich verteilt zwischen Männern und Frauen, seit Jahrtausenden gibt es immer wieder Frauen, die mehr wollen als nur Mutter und Hausfrau sein. Frauen haben dafür gekämpft, wählen und studieren zu dürfen. Sie wollen auch auf andere, früher nur den Männern vorbehaltene Weise zu einer besseren Gesellschaft beitragen. Das hat uns Frauen gebracht wie Königin Elisabeth I., Annette von Droste-Hülshoff, Marie Curie, Wanda Landowska, Golda Meir, Madeleine Albright und viele andere mehr. Inzwischen sind immer mehr Männer davon überzeugt, dass ein paar Frauen in Regierungen und wissenschaftlichen Gremien dort die Diskussionskultur verbessern, weil nicht mehr jeder auf seinem Misthaufen krähende Hahn ernst genommen wird. Und die meisten dieser Frauen sind gerne Mutter und kümmern sich neben dem Beruf auch noch mehr als ihre Männer um unangenehme Hausarbeiten.

Kein vernünftiger Mensch bestreitet, dass es etwas Wunderbares und Wertvolles ist, Kinder zu bekommen und zu guten Menschen zu erziehen; aber nicht alle Frauen wollen sich darauf fixieren, also reduzieren lassen. Und viele wollen das gern mit ihrem Mann zusammen tun. Nur einige wenige fühlen, dass sie keine Kinder haben können oder wollen. Früher gingen die ins Kloster und wurden respektiert.

Es gibt zwar durchaus bei uns ein gesellschaftliches Problem; aber das hat nun wirklich nichts damit zu tun, dass Männer „als Frauen leben wollen“ oder umgekehrt: Leider entscheiden sich viele Frauen und ihre Männer unter gesellschaftlichen Druck gegen Kinder oder verschieben ihren Kinderwunsch auf später. Das ist schlimm, und darum sollten wir uns kümmern. Man kann es gemeinsam lösen, wenn man gut hinschaut und die Ursachen versteht. Wer aber mit diesem Schreckbild der sogenannten Gender-Ideologie argumentiert, macht sich unglaubwürdig und lächerlich.

Schon lange ist deutlich, dass die Fixierung von Frauen auf nur die Aufgaben von Mutter und Hausfrau, also das Vorenthalten von Bildung und Bürgerrechten, das Unmöglich machen von ganzen Lebensläufen eine Frage der Erziehung, früher auch des Rechtssystems ist. Ja, diese ausschließliche Fixierung muss natürlich überwunden werden, und dabei sind wir seit Jahrhunderten auf dem guten Weg. Es geht um Glück, Freiheit, Entfaltung der Persönlichkeit und Beitrag zur Gesellschaft. Wenn das Ideologie sein soll, ist die ganze Renaissance und Aufklärung Ideologie. Das heißt aber doch nicht, dass verboten werden soll, dass Frauen Mütter und Hausfrau sind. Vielleicht gibt es am äußersten Rand eines reichen Spektrums von Meinungen vereinzelte durchgeknallte Spinner, die so ein Verbot fordern; aber die braucht die Politik doch nicht ernst zu nehmen. Wer die zu einer menschheitsbedrohenden Ideologie aufbaut, macht sich verdächtig, am anderen äußersten Ende des Spektrums angesiedelt zu sein und nach Saudi-Arabischer Weltordnung zu verlangen. Auch den oder die sollte man nicht ernst nehmen.

Warum regt sich rationalitas denn dann so über den Artikel aus idea.de bzw. kath.net auf? Weil hier mehrere Verstöße gegen ordentliches, klares Denken vorliegen.

Neulich sagte Kardinal Marx auf die Frage, ob der Wunsch nach sexueller Befreiung in der Katholischen Kirche nicht als eine westliche Schnapsidee gesehen würde, nein, seine Ansichten hätten durchaus auch „Zustimmung in Afrika, Asien und, eh, in der Kurie.“ Eine rührende Aufzählung von drei Rückstandsgebieten. Ähnlich niedlich gliedert idea.de die feindliche Welt in drei Teile:

Die Ideologie hat bei Feministinnen sowie in Politik und Kirche viele Anhänger.

Danach wird der Artikel perfide:

Beispielsweise richtete die EKD in Hannover ein Zentrum für Genderfragen ein. Gegen diese Gleichmacherei wendet sich jetzt eine wichtige Stimme in der CDU. Der Parteitag des Bezirksverbandes Nordwürttemberg beschloss am 25. Oktober in Stuttgart, die „Gender-Forschung” und ihre Schlussfolgerungen abzulehnen. Er wendet sich unter anderem gegen die Gründung weiterer universitärer Lehrstühle zum Thema Gender in Baden-Württemberg und gegen Mittelzuweisungen des Bundes für derartige Einrichtungen.

Hier wird bewusst trübes Denken zur Methode. Hier werden redlich denkende Menschen diffamiert.

Der Begriff „Gleichmacherei“ schwebte ja schon länger über dem Artikel. Jetzt fällt er nieder, um die EKD schlecht zu machen. Das Leserpublikum von idea.de versteht wahrscheinlich den Unterschied  zwischen „gleich sein“ und „gleiche Rechte haben“ nicht. Was für einen Auftrag das Zentrum für Genderfragen eigentlich hat, wird nicht berichtet. Stattdessen wird suggeriert, dass es eine verwerfliche „Gender-Ideologie“ verbreitet. Und im nächsten Satz wird suggeriert das universitäre „Gender-Forschung“ und die hier angeprangerte „Gender-Ideologie“ das Gleiche wären. Dieses wissenschaftliche Forschungsgebiet untersucht aber gerade die Frage, welche Verhaltensweisen und Wünsche geschlechtsspezifisch angeboren und welche durch Erziehung eingegeben sind. Das Stellen von Fragen soll also schon verboten werden, und ganz sicher die daraus resultierenden Ergebnisse. Es erinnert an Goebbels‘ Feldzug gegen die „jüdische Physik“.

Eine höchst verquast definierte, angeblich bestehende Ideologie wird identifiziert mit einem wissenschaftlichen Forschungsgebiet. Ein höchst relevanter Unterschied zwischen „gleich gemacht werden“ und „gleiche Rechte haben dürfen“ wird übergangen. Die Forderung, gewisse Verhaltensweisen zu erlaubgen, wird verwechselt mit der Forderung, sie für alle zur Pflicht zu machen, ein Denkmuster, dass unter Logikern „Pornologik“ genannt wird. (Mehr dazu hier um Abschnitt Die Regeln reinlichen Denkens.) Das ist das Gegenteil von klarem Denken und gemeinsamen Lösen wirklicher Probleme. Das ist das Schüren von dumpfer Angst bei Leuten, die man dumm hält.

Plötzlich aber wechselt der Artikel das Thema und kommt doch noch auf das hier eingangs erwähnte „gendern“:

Umbenennungen wie „Studentenwerk” in „Studierendenwerk” sollen „mangels Mehrwert für irgendjemanden“ unterbleiben. Außerdem fordert der Parteitag seine Mitglieder auf, im Schriftverkehr und in Publikationen den männlichen Oberbegriff beizubehalten, also etwa „Studenten” statt „Studierende” zu schreiben.

Das wäre ein vernünftiger Vorschlag, wenn sich da nicht eingeschlichen hätte, dass der Plural „Studenten“ männlich wäre. Vielleicht ist dieser Bezirksverband ja auch gegen Aufklärung und Gleichberechtigung und spielt ein ähnlich trübes Spiel.

Vorsitzender des Bezirksverbandes ist der Bundestagsabgeordnete Steffen Bilger (Ludwigsburg), der der pietistischen Bewegung nahe steht. Er ist auch Vorsitzender des Kuratoriums der Bundeszentrale für politische Bildung mit Sitz in Bonn. In Bayern rumort es ebenfalls. Mitte Oktober verließ der Bezirksvorsitzende des Evangelischen Arbeitskreises der CSU (EAK) München, Jürgen Steffan, die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern. Als Begründung nannte er unter anderem den wachsenden Einfluss der „Gender-Ideologie“.

Rationalitas hat den Schriftführer des Bezirksverbandes gefragt, was da wirklich beschlossen wurde, und wird den Leser auf dem Laufenden halten.

Okt 282014
 

478235_webStabilität* ist ein wichtiger Qualitätsaspekt. Balken, die ihrer Belastung nicht gewachsen sind, biegen sie sich oder brechen gar. Im besten Falle bekommt das Bauwerk dadurch eine andere Form. Man redet sich dann ein, dass es romantisch ist, wenn alles wegrollt, Tische wackeln und die Fenster verschieden hoch sind.

Auch Organisationen kan mann als Bauwerke betrachten, bei denen es auf Stabilität ankommt. Wichtige Stützen sind hier Menschen, und auch die kann man auf Biegen oder Brechen belasten, bis das Bauwerk  eine andere Form bekommt.

Bis vor wenigen Jahren konnte man sich hier in Neukölln problemlos Pakete schicken lassen. Wenn man nicht zu Hause war, probierte der Paketbote es später noch einmal. Schlimmstenfalls klingelte er bei Nachbarn. In einem Haus, in dem dreißig Parteieln wohnen, ist fast immer jemand zu Hause. Zwei Häuser weiter gibt es einen kleinen Laden, dessen Inhaber, ein Rentner, gerne Pakete für die ganze Nachbarschaft annimmt. Der Paketbote kannte die Nachbarschaft und fand immer einen Weg, das Paket zuzustellen.

Seit einiger Zeit funktioniert das nicht mehr. Der Paketdienst hat aus Instabilität eine andere Form bekommen. Man sieht zwar im Computer, dass der Zusteller unterwegs ist; aber man empfängt nichts. Auch keine Benachrichtigung. Die kommt erst am nächsten Tag mit der Briefpost, und darin steht, dass man sein Paket auf der Post abholen muss. Das bedeutet entweder einen Fußmarsch von vier Kilometern: einen Kilometer nach Norden, dann einen Kilometer nach Osten den Abhang hinab, eine halbe Stunde Schlange stehen bei der Post und mit dem Paket wieder zurück. Das Paket ist sperrig und schwer, und man kann sich einreden, dass diese Aktion romantisch ist. Eine noch romantischere Alternative bietet der öffentliche Nahverkehr: vierhundert Meter gehen, eine Station mit der S-Bahn, umständliches und weitläufiges Umsteigen an Bettlern und Taschendieben vorbei in die immer überfüllte U-Bahn, zwei Stationen weiter zur Post, anstellen und den gleichen Weg zurück. Wenn das Paket schön sperrig ist, erlebt man authentische Beispiele von Berliner Schnauze.

Dass es so läuft, hat natürlich mit fehlender lokaler Integrität* zu tun. Die wichtigsten Stützen des Paketdienstes, die menschlichen Zusteller, sind nicht mehr durchdrungen vom Ziel ihrer Organisation: dass die Pakete beim Empfänger ankommen müssen.

Heute wurde in den Nachrichten deutlich, wie das kommt. Die Zusteller sind ihrer Belastung nicht mehr gewachsen, und die Weise, wie sie ihre Pflicht erfüllen, wird krumm. Ihr Ziel ist nicht mehr, das Paket zuzustellen, sondern es so schnell wie möglich ohne Regelverstoß loszuwerden. Statt länger in der Nachbarschaft herumzuklingeln, fahren sie lieber ihre ganze Ladung direkt zur Post und verwenden ihre Zeit zum Adressieren von Umschägen für die Benachrichtigungen statt zum Treppensteigen.

Man kann es ihnen nicht verübeln.

Die Zusteller werden schlecht bezahlt und haben zu wenig Zeit. Sie werden oft in wechselnden Gebieten eingesetzt, wo sie die Möglichkeiten nicht kennen. Sie haben immer weniger Gelegenheit, ihren Lieferwagen ordentlich zu parken und stehen unter ständigem Stress. Wie sie ausgebildet werden, kann man hier nachlesen. Da kann es passieren, dass der Zusteller nicht beweisen kann, dass er an einem Blechschaden unschuldig ist oder bei welchem Nachbarn genau er das Paket abgeliefert hat. Das ist schon schlimm genug für die Motivation der Zusteller. Aber seit heute wissen wir, dass noch etwas hinzukommt: die Post macht sie systematisch regresspflichtig, indem sie die kleinsten Unregelmäßigkeiten als „grobe Fahrlässigkeit“ verfolgt.

Schadenersatz, den die eigenen, überlasteten Mitarbeiter bezahlen, ist anscheinend inzwischen zu einer wichtigen Einnahmequelle der Post geworden.

Hieraus können Sie lernen. Wenn Sie in so einem Fachwerkhaus wohnen, in dem sich die Balken biegen, machen Sie die Balken regresspflichtig! Hobeln Sie einfach die entsprechende Menge Holz ab, um den Kamin zu feuern!

Die BVG hat noch nicht entdeckt, dass auch ihre Busfahrer Goldminen sind. Man braucht sie nur für erhöhten Kraftstoffverbrauch beim fahrlässigen Stehen im Stau regresspflichtig zu machen. Bitte erzählen Sie das nicht weiter!


*) Die Begriffe Stabilität und lokale Integrität werden erklärt in Packen wir’s an – aber richtig! vom gleichen Autor.

Okt 272014
 

IMG_2461Die übliche Begründung der Bahn, wenn immer wieder Züge ausfallen, ist „wegen Verzögerungen im Betriebsablauf“. Die Bahn bittet dann „um Verständnis“.

Dass diese Worte immer passen, aber keinen Inhalt haben, merkt man, wenn man den Anlass variiert: „Wegen Verzögerung im Betriebsablauf habe ich meine Hausaufgaben nicht gemacht, Ihre Rechnung nicht bezahlt, meine Steuererklärung nicht geschrieben. Ich bitte um Verständnis.“

Wenn sich aber ein Selbstmörder vor den Zug geworfen hat, bittet die Bahn „um Entschuldigung“. Offenbar fühlt sie sich dann schuldig.

Wie dem auch sei – im „Zent-
rum“ des Bahnhofs Südkreuz stehen neuerdings zusätzliche Uhren rum. Wegen Verzögerungen im Betriebsablauf hat man genug Zeit, die Inschrift darunter zu lesen.

Die Bahn fordert auf: „Sehen Sie schon bald mit uns in die Zukunft.“ Punkt. Nicht jetzt, aber schon bald.

Unten drunter steht: „Hier entsteht Innovation.“ Sie findet nicht statt, sie entsteht. Hier.

Lassen Sie sich den Text dazwischen Wort für Wort auf der Zunge zergehen! So verdichtet findet man das Nichts selten. Ein Bahnhof am Bahnhof, gemeinsam mit Kompetenzpartnern, mit stehendem Verständnis im Mittelpunkt. Und es soll für den Bahnhofsbenutzer sichtbar umgesetzt und getestet werden. Nicht, dass es dem Reisenden irgendwie nützen würde – davon ist nirgends die Rede.

 

 

 

Okt 262014
 

imagesWien, den 21.10.2014

Lieber Freund,

du hast mich, da ich Ungar bin, nach meiner Meinung zum jüngsten SPIEGEL-Artikel über das ungarische Mediengesetz gefragt.

Ich habe den Artikel auf http://www.spiegel.de/politik/ausland/ungarn-was-aus-dem-mediengesetz-von-victor-orban-wurde-a-996340.html jetzt gelesen. Meiner Information nach kann es aus Sicht der Interviewpartner so stimmen, wie es geschrieben ist. Journalisten oder andere Medienvertreter, die mit dem ungarischen Medienrecht gut auskommen, sind nicht befragt worden, insofern ist die Darstellung die aus einer bestimmten Perspektive. Das ist legitim, ich will es aber ausdrücklich festhalten.

Ich gebe ein paar Dinge zum Bedenken mit. Dabei geht es mir in erster Linie um den historischen Kontext und in zweiter Linie um den weltanschaulichen Kontext von FIDESZ / Orbán.

1. Es war in Ungarn immer schon so wie jetzt unter Orbáns Mediengesetz. Nur haben dieselben Dinge früher die Sozialisten, respective die Kommunisten gemacht. Der einziger Unterschied ist, daß die Sozialisten das nur praktiziert haben und kein Gesetz dazu beschlossen hatten, also rein willkürlich. Jetzt kritisieren diese Praxis jene Journalisten, denen es vor FIDESZ gut gegangen ist; dafür ist es damals den nichtsozialistisch denkenden Journalisten schlecht gegangen (cuius regio, eius televisio wie es schon 1648 ausgehandelt wurde – kann man das so sagen?) Die Kritik ist zwar unter dem Blickwinkel tatsächlicher Freiheit berechtigt. Allein, die Kritiker sind scheinheilig.

2. Ich sehe oft Talkshows im ungarischen Fernsehen. Die öffentlich-rechtlichen Sender pflegen da in der Praxis eine Bandbreite der Meinungen, die ich mir im österreichischen Fernsehen (ORF) wünschen würde. Meiner Beobachtung nach wird tatsächlich die AUSGEWOGENHEIT groß geschrieben.

3. Öffentlich-rechtliche Medien sind in allen Staaten in diesem Spannungsfeld: Zwangsgebühren der Staatsbürger, Führungsgremien unter politischem Einfluß (von ihnen ins Amt gebracht), Abhängigkeit von der Politik und deren Geldern und doch die Pressefreiheit als verfassungsmäßig verbriefte Grundlage für alles das.

Was Österreich betrifft: Unser ORF ist alles, nur kein investigativer Sender. Die Landesstudios liefern lupenreine Hofberichterstattung für den jeweiligen roten oder schwarzen Landesfürsten. Meinungen der politischen Mitte und rechts von ihr werden da laufend wirklich hämisch dem Gespött preisgegeben. Karriere in Fernseh- und Radiosendern kann nur machen, wer die Linie von rot / grün (früher mal auch schwarz / blau) vertritt. Und in den Printmedien sieht es nicht viel besser aus: Zeitungen leben nur dank Presseförderung und dank Regierungsinseraten. Zeitungen, die scharf regierungskritisch werden, kriegen keine Inserate. Konzerne verhalten sich synchron gleichermaßen.

NUR: Dieser indirekte, stille Zensurdruck ist in kein Gesetz gefaßt, er ist alleine Willkür. Noch dazu eine starke, die wirklich greift.

Wer kritisch, differenziert sich informieren will, freut sich, daß es Internet und Blogger gibt.

Conclusio: Ich kritisiere in erster Linie die Scheinheiligkeit der EU und hiesiger Medien, wenn sie Ungarn diesbezüglich angreifen. Ich würde mich freuen, wenn das Thema Pressefreiheit in ganz Europa wahrhaftig unter die Lupe genommen werden würde. Mit juridisch gebildeten Journalisten gegengecheckt und intellektuell redlich recherchiert. Das wäre ein spannendes Unterfangen.

Als in Ungarn die Sozialisten (in Ungarn entspricht „Sozialisten“ de facto dem, was in Deutschland „Die Linke“ ist, weil es in Ungarn nach der Wende nie zu einer sauberen Unterscheidung gekommen ist; also nicht zu vergleichen mit den Sozialdemokraten in Deutschland) regiert haben, haben weder die EU noch die hiesigen Medien jemals die damalige praktische Einschränkung der Pressefreiheit kritisiert.

Und unsere österreichische quasidiktatorische Medienpraxis kritisiert auch niemand, obwohl sie mit Händen zu greifen ist. Aber es sind halt Linke, die indirekte Zensur praktizieren. Linke Einschränkung ist gute Einschränkung. Rechte Einschränkung ist böse Einschränkung. So wie es ja die positive Diskriminierung gibt und die negative Diskriminierung.

4. Weltanschaulicher Kontext: Orbán und FIDESZ legen die Kriterien ihrer Ausrichtung sehr transparent offen und stellen sie zur Diskussion. Ich verweise auf die Rede Orbáns (die hierorts auch nur sehr selektiv rezipiert worden ist) im Juli in Tusnádfürdö und auf das Interview des Außenminiters Szijjártó in der österreichischen Zeitung „Die Presse“ vom vergangenen Wochenende. Zur Rede Orbáns: Siehe unter Punkt 5 meines letzten Newsletters, dort auch die Rede in engl. Übersetzung: http://www.dynamis.at/newsletter-mobile/archiv-mobile/131-september-oktober-2014.html Das ist die weltanschauliche Linie, die in Ungarn, demokratisch legitimiert, derzeit greift.

5. Anmerkung zum Demokratieverständnis im allgemeinen:

Als FIDESZ in der vorangehenden Legislaturperiode an die Macht gekommen ist, hat sie sofort eine Verfassungsreform in Angriff genommen, da die alte Verfassung mit Ausnahme der COMECON und WARSCHAUER PAKT Aspekte noch immer die aus der kommunistischen Ära gewesen ist.

Man hat den Verfassungsentwurf ausformuliert. Man hat sie in gedruckten Exemplaren an JEDEN ungarischen Haushalt geschickt. Jeder Haushalt war eingeladen, Stellung zu nehmen. Die Bevölkerung hat einige Artikel tatsächlich abgelehnt – und die sind dann aus dem Entwurf auch wirklich rausgenommen worden, bevor dann die neue Verfassung im Parlament beschlossen worden ist.

An ein Beispiel kann ich mich erinnern: FIDESZ wollte ein Familienwahlrecht einführen: Erwachsene mit Kindern haben ein Stimmrecht auch für ihre Kinder. Das war im Entwurf. Da hat es sehr viel Gegenwind gegeben, ist also nicht in die Verfassung gekommen.

Ich kenne keinen andern Staat in der EU, wo eine Verfassung so „basisdemokratisch“ entstanden ist wie die in Ungarn.

In der Präambel ist die christliche Religion als die maßgebende für die ungarische Nation proklamiert. Deshalb auch viele Entscheidungen, zB hinsichtlich muslimischer Zuwanderung, die für uns unvorstellbar geworden sind – darum auch die enorme Kritik der EU und neuerdings auch der USA.

Was mir als Ungar weh tut, ist in erster Linie die große große Scheinheiligkeit der Kritiker. Mögen sie in manchen Details mit Recht den Finger auf wunde Punkte legen: Dieselben wunden Punkte gibt es auch bei uns, und: demokratisch getragen sind die Entscheidungen auch in Ungarn allemal. Und wer sich dort kritisch informieren will, kann das genauso tun, wie wir das in Österreich tun können, obwohl bei uns Print- und Radio/TV Medien alle gleichgeschaltet sind (nicht per legem, aber durch geschickte Maßnahmen der Bürokratie).

Ein Letztes: Die Staaten des ehemaligen Ostblocks sind in dieser Hinsicht sensibler als die westlichen Staaten: Wenn die hören, wie aus dem Westen an die „Europäischen Werte“ erinnert wird, um sie auf Linie zu bringen, spüren sie dasselbe wie damals, als sie aus Moskau etwas über die Werte der „internationalen Solidarität“ und ähnliche Parolen gehört haben.

Und wenn es Bestrebungen in Brüssel gibt, Medienförderungen daran zu binden, daß diese zu fördernden Medien schön brav und linientreu die „Europäischen Werte“ hochhalten, dann geht mir das Geimpfte genauso hoch. Und das wird meines Wissens in Brüssel sehr wohl so überlegt. Dazu gibt es nur so gut wie keine großen Artikel im „Spiegel“ in Deutschland oder im „Profil“ in Österreich.

Und ein Allerletztes: Die Ungarn sind halt auch ein wenig mehr heißblütig, wenn Kritik von außen kommt, als Deutsche und Österreicher. Ich merke es jetzt an mir: Ich wollt nur ein paar Zeilen schreiben, bin aber jetzt beim Nachdenken wieder heißgelaufen und hab entsprechend viel geschrieben. Aber Du hast eh viel Zeit zum Lesen, mein Freund!

Alles Gute und beste Grüße aus Wien,

Géza Ákos Molnár

 

PS: Das ist ein Brief, ich habe alles aus dem Gedächtnis heraus geschrieben, nichts extra recherchiert. Es ist mehr die subjektive Schilderung meines Gesamteindrucks zum Thema, kein historisch oder rechtlich erforschter Bericht! Bitte, dies auch so zu lesen. Danke.

Jul 072014
 

Seit heute gibt es hier oben drüber einen neuen Eingang: Pathologie, der sich weiter verästelt.

Das gerade fertiggestellte Buch Packen wir’s an – aber richtig! endet mit diesem Plädoyer für Pathologie:

Nicht für Pathologisches wird hier plädiert, sondern für das Fach, das Pathologisches untersucht. In der Renaissance blühte es auf und hat seither erheblich zum wissenschaftlichen Fortschritt beigetragen. Wikipedia beschreibt es so:

Als Pathologie wird in der Medizin die Erforschung und Lehre von den Ursachen (Ätiologie), der Entstehungsweise (Pathogenese), der Verlaufform und der Auswirkungen von krankhaften bzw. abnormen Einzelphänomenen (Symptomen) oder Symptomverbänden (Syndromen) sowie von Missbildungen aller Art verstanden, einschließlich dabei feststellbarer Körpervorgänge (Pathophysiologie). Eine kürzere Definition erklärt die Pathologie als „Lehre von den abnormen und krankhaften Vorgängen und Zuständen im Körper („pathologische Anatomie“) und deren Ursachen“.

Nicht nur in der Medizin kann man durch Erforschung krankhafter oder abnormer Phänomene lernen. Goethe forderte seinen Gärtner auf, ihm nicht die perfekten Blumen aus dem Garten zu bringen, sondern gerade die, mit denen etwas nicht stimmte. Tulpen mit einem grünen Blütenblatt oder einem roten Blatt unten am Stengel und dergleichen. Gartenpathologie. Man sieht solche Tulpen heute nicht mehr. Sie werden ausgemerzt, bevor sie den Großhandel erreichen. Aber Goethe hatte sie genau angeschaut – Erforschung – und, überrascht durch Ordnung in der Unordnung, ein konzeptuelles Modell der „Urpflanze“ – Lehre – entwickelt. Alle Blütenpflanzen sind offenbar Varianten ein und desselben Ur-Bauplanes, aus dessen Einfachheit und Kraft die ganze Vielfalt entsteht. Goethes Einsichten werden durch die moderne Biologie immer wieder bestätigt. Der Abglanz des Wahren, was Pflanzen betrifft.

Im Buch […] wimmelt es von krankhaften, abnormen Einzelphänomenen und Missbildungen zum Thema Qualität von Artefakten, und diese Phänomene und Missbildungen werden klassifiziert mit dem hier dargelegten Begriffssystem: Lösungsproblem, Kitsch, Verwechslung von Bauplänen mit Spezifikationen, unzureichendes Fachwissen und so weiter und so weiter, wie oben zusammengefasst.

Angenehmer ist es, sich vom Gärtner perfekte Blumen bringen zu lassen und perfekte Gebäude zu bewundern. Darum finden Sie in der Einleitung ja ein Plädoyer für schöne Architekturbücher. Aber man kann lernen, misslungenes Menschenwerk mit der gleichen Neugier zu betrachten, wie Goethe verkehrte Blumenblätter betrachtete und der medizinische Pathologe die Geschwulst im menschlichen Körper oder das Gewürm in der Wasserleiche. Um Gemecker auf Stammtischniveau zu übersteigen, sollte man aber wissenschaftliche Neugier mitbringen: den Wunsch, systematisch zu benennen, warum etwas nicht gelungen ist. So kommt dem Wesen der Qualität näher, als wenn man nur Gelungenes bewundert.

 

Hier auf de.rationalitas.eu beginnen wir mit dem Aufbau eines pathologischen Raritätenkabinetts. Sie sind eingeladen, auch Beispiele beizutragen und an der Diskussion teilzunehmen. Beginnen Sie mit einer systematischen Erkundung ganz oben mit dem Eingang Pathologie.

 

IMG_2122_2Für heute eine Kleinigkeit, die an der Bölschestraße in Berlin-Friedrichshagen auffiel. Friedrichshagen ist ein sehr schön restaurierter Stadtteil mit vielen Häusern aus der Zeit Friedrichs des Großen, dem die dankbaren Einwohner ein Denkmal gesetzt haben. Die Bölschestraße ist eine der behaglichsten Einkaufsstraßen Berlins.

Da steht man dann am Markt und wartet auf die Straßenbahn, fühlt hinter sich das Denkmal Friedrichs des Großen und sieht vor sich auf der anderen Straßenseite den preußischen Adler mit Königskrone. Und dann das!

Vermutlich ist es angelegt, um den Baum zu schützen, denn hier rangieren regelmäßig Marktkaufleute mit ihren Anhängern.

Utilitas: Vielleicht hilft es ja.

Firmitas: Diese roten Betonteile werden womöglich länger halten als der zu schützende Baum. Die Bepflanzung ist dabei, einzugehen. Hier mangelt es deutlich an Fachwissen zum Lösungsgebiet: Kübelpflanzen.

Venustas: Wir überlassen das Urteil dem Leser.

Das menschliche Maß, Gefühl: Wenn man dieses Gebilde in dem ansonsten sehr einladenden Staddteil einmal entdeckt hat, erfasst einen das Gefühl tiefer Melancholie.

Das menschliche Maß, Respekt vor der Umgebung: Diese Lösung würde prima in ein Plattenbaugebiet passen, das auch ohnehin schon deprimierend betoniert ist. Im hiesigen Ensemble historischer Häuser und Denkmäler ist es eine Beleidigung für den Schutzherrn Friedrich, der es von seiner Säule aus täglich anchauen muss.

 

Mai 292014
 

Sein Vater hatte die Familienfirma beinahe zu Grunde gerichtet. Fast das gesamte Betriebskapital wurde verschwendet, um einen Markennamen zu erwerben, den sich der Vater in den Kopf gesetzt hatte. Hohe Kredite mussten aufgenommen werden, sodass überall eindrucksvolle Gebäude entstanden, die leider zu nichts nütze waren. Auch die Kosten für Reklame waren exorbitant.

Er, der Nachfolger, sah schon lange, was schief ging. Er durchschaute die korrupten, unfähigen leitenden Angestellten, die seinen Vater mit falschen Informationen versorgten. Gerne hätte er als Juniorchef geholfen, die Firma zu sanieren und zu modernisieren – aber er wurde kaltgestellt.

Erst als sein Vater gestorben war und ihm einen Haufen Schulden hinterließ, kam er zum Zuge. Nun wurde alles anders. Er setzte die Ausgaben für Reklame auf Null, verkaufte oder vermietete alle unnützen Immobilien und entließ unfähige Mitarbeiter. Er kümmerte sich persönlich um die kleinsten Einzelheiten der Betriebsprozesse, nicht nur in der Zentrale, sondern auch in entlegenen Filialen, und sparte ein, wo man einsparen konnte. Nur bei der Qualität machte er keine Abstriche. Er selbst verzichtete auf jeden Luxus, entnahm der Firma nur das Nötigste für sich und reinvestierte wo er neue Chancen sah. Neue leitende Mitarbeiter suchte er äußerst sorgfältig aus.

IMG_2267Er wollte ein Vorbild sein; aber er verlangte sich selbst und allen anderen so viel ab, dass man ihn eher fürchtete als bewunderte.

Zur Erholung gönnte er sich nur ein Hobby. Da er über alles akribisch Buch führte, wusste er genau, wie teuer ihn das kam: für seine Begriffe unanständig teuer. Da er sich für diesen Bruch seiner eigenen Prinzipien schämte, hielt er die Ausgaben für sein Hobby geheim, so gut es ging. Bis es dann jeder sehen konnte: „Der Chef hat mitten in einem Naturgebiet ein Gebäude errichtet nur für sich selbst und sein Hobby. Es dient in keiner Weise dem Firmenbelang.“ So etwas hatte es unter seiner Leitung noch nie gegeben, auch wenn es in anderen Firmen gang und gäbe war. Die Menschen nannten das Hobbygebäude „Schloss“.

Als er starb, war die Marke, die sein Vater erworben hatte, durch seinen unermüdlichen Einsatz weltberühmt geworden. Seine Nachfahren konnten vom Gewinn der Firma in Luxus leben. Mit dem „Schloss“ aber konnten sie nichts anfangen. Es steht seither leer. Auch die heutige Eigentümerin weiß sich keinen Rat damit.

Wer war‘s? Wie hieß die Marke? Wo steht das „Schloss“?

Mai 242014
 

FährstraßeIm Südosten von Berlin gab es zwei Fährdienste, die sich gegenseitig ergänzten. Wir erklären es für Nicht-Berliner, denn es geht ums Prinzip.

Die eine Fähre, Linie F23, verkehrt stündlich zwischen den kilometerweit auseinander liegenden Anlegern A – B – C – D – C – B – A. Die andere, ein Ruderboot, verkehrte bei Bedarf ohne Wartezeit zwischen D und E, 38 Meter voneinander entfernt an gegenüberliegenden Flussufern. Wenn man gerade am anderen Ufer war, kam das Boot und holte einen ab. Diese Ruderfähre war 102 Jahre lang eine berühmte Berliner Besonderheit und bei Spaziergängern und Radfahrern sehr beliebt als Verbindung zwischen D und dem Naturgebiet hinter E. Die Fahrt dauert mit Ein- und Aussteigen nur ein paar Minuten.

Das Ruderboot F24 und auch die große Fähre F23 waren für Rollstuhlfahrer ungeeignet. Da beide Fährdienste neu ausgeschrieben werden sollten, beschloss der Senat, zu verlangen, dass das neue Schiff für F23 behindertengerecht werden müsse und die F23 auch Punkt E anfahren sollte. F24 könnte dann entfallen.

Wie das dann genau gehen sollte, kann man sich schwer vorstellen. Wenn die neue F23 so verkehrt: A – B – C – D – E – C – B – A, muss jemand, der nur von E nach D über den Fluss will, eine Stunde auf dem Großen und Kleinen Müggelsee herumfahren. Wenn die Flussüberquerung in beiden Richtungen wie früher nur wenige Minuten dauern sollte, müsste der Fahrplan so aussehen: A – B – C – E – D – E – C – B – A. Das große Schiff müsste zweimal den schmalen Fluss überqueren, was auf jeden Fall komplizierte Manöver erfordert.

Auch im besten Falle würde die Überfahrt über den Fluss nur noch einmal pro Stunde möglich sein und länger dauern als früher. Dafür könnten sich Rollstuhlfahrer auf den Trampelpfaden im Naturgebiet ausleben und in der Krummen Laake schwimmen.

So weit kam es aber nicht. Die Wasserbehörde verbot, dass der Anleger bei E so vergrößert würde, wie das neue behindertengerechte Schiff ihn benötigt.  Es bleibt also für F23 beim alten Fahrplan A – B – C – D – C – B – A, ohne komplizierte Wendemanöver.

Da aber vom Berliner Senat und von der BVG kein Mensch jemals vor Ort gucken kommt und da sich in den Köpfen festgesetzt hat, dass E nun auch von der F24 bedient wird, bleibt das Ruderboot F24 abgeschafft. Es liegt auch gar nicht mehr da.

Für Rollstuhlfahrer ist das eine gute Nachricht: endlich können Nicht-Behinderte auch nicht mehr von D nach E gelangen. Ein Schritt Richtung Gleichberechtigung!

(Dass auch Blinde bei der BVG immer gleichberechtigter werden, lesen Sie hier.)

 

 

http://www.tagesspiegel.de/berlin/zwoelf-ruderschlaege-viel-mehr-fans/7739924.html

http://www.berliner-woche.de/nachrichten/bezirk-treptow-koepenick/rahnsdorf/artikel/8416-im-herbst-2013-stellt-die-faehre-f-24-den-betrieb-ein/*

*) Hier steht: „Die Ruderfähre war nicht behindertengerecht, Rollstuhlfahrer konnten nicht übergesetzt werden. Mit der Einbeziehung der Strecke in die Fährlinie F 23 können künftig auch Behinderte diese Verbindung nutzen“, informiert Petra Rohland, Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, die als Behörde für die Neuausschreibung zuständig ist. Logisch stimmt das. Aber die Strecke wurde nie einbezogen. Der Dienst von F24 ist ersatzlos verschunden.

 

Mai 222014
 
eine Butterdose aus Rauchacryl

Die neue Wannseefähre 2014

In Berlin bauen sie eine neue U-Bahn. Laut Reklame im Infocenter wird sie „die U-Bahnlinie mit den meisen Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt an der Strecke sein“. Rührend! Wenn man mit seinem Kind durch den Tunnel führt, kann man sagen: „Hier oben steht der Fernsehturm.“ – „Wo?“ – „Den sieht man nicht. Und hier steht jetzt das Rathaus.“ – „Wo denn?“ – „Das sieht man auch nicht. Aber jetzt kommt die Marienekirche.“ Das Kind spielt inzwischen gelangweilt mit seinem Smartphone.

 

am Infocenter des U5-Lückenschlusses

am Infocenter des U5-Lückenschlusses

Die BVG rät übrigens, dass man mit dem Linienbus 100 fahren soll, statt eine teure kommerzielle Stadtrundfahrt zu buchen. Zugegeben: der Bus fährt oberirdisch und hat viele Fenster. Manchmal ist es sogar ein Doppeldecker. Nur hat die BVG die meisten Fenster mit Reklame zugeklebt. Von innen sieht man fast nichts mehr, als blickte man durch eine geschlossene Gardine.

Blick aus Linie 100 unter den Linden

Blick aus Linie 100 unter den Linden

Der selbe Bus von außen

Der selbe Bus von außen

Berlin hat eine der schönsten Eisenbahnstrecken der Welt. Vom Westkreuz bis Ostkreuz führt die S-Bahn und die Fernbahn auf einem Viadukt quer durch die Innenstadt mit Aussicht auf unwahrscheinlich viele Sehenswürdigkeiten: Gedächtniskirche, Zoo, Spreeschleuse, Tiergarten, Siegessäule, Schloss Bellevue, Garten des Bundeskanzleramtes, Bundeskanzleramt, Brandenburger Tor, Reichstag, Potsdamer Platz, Bundestagsgebäude, Theater am Schiffbauerdamm, Monbijoupark, Hackesche Höfe, Dom, Marienkirche, Fernsehturm, Alexanderplatz, ehemalige ORWO-Glühlampenfabrik und noch viel mehr.

Man hätte diese Strecke vor drei Jahren als Weltkulturerbe anmelden sollen. Jetzt ist es zu spät. Wo immer es geht, hat man angefangen, links und rechts langweilige Bürohäuser zu errichten. Ungefähr die Hälfte der Aussicht ist schon verschwunden, und es wird weiter gebaut. In einem Jahr wird man nur noch dann und wann eine Zehntelsekunde einen Blick aufs Kanzleramt oder den Reichstag erhaschen. Auch auf dem Alexanderplatz und weiter östlich wird gebaut.

Wenn alles fertig ist, wird die Fahrt auf dieser Strecke einer U-Bahn-Fahrt ähneln: links und rechts vor den Fenstern Wände. „Hier, ganz nah, liegt der Kanzlergarten; aber den sieht man nicht.“ Dabei werden die Wände auf der Museumsinsel noch zu den schönsten gehören.

Diese Eisenbahnstrecke ist kulturgeschichtlich für immer verloren. Sie dient bald nur noch dem Transport von Menschen, nicht mehr der Erfahrung der Metropole mit ihrer Architektur, genau wie die parallel dazu unterirdisch verlaufende neue U5.

Der öffentliche Berliner Nahverkehr umfasst auch etliche Fähren. Mit seiner normalen Zeitkarte oder einem Einzelfahrschein kann man eine halbe Stunde lang quer über Wannsee und Havel fahren: vom S-Bahnhof Wannsee nach Kladow. Bis 2013 gehörte diese Schifffahrt zu den schönsten Erlebnissen der Stadt. Das Schiff war in der Mitte überdacht, am Bug und Heck konnte man aber unter freiem Himmel sitzen. Vor allem am Bug hatte man rundum eine herrliche Aussicht, man saß in Wind und Sonne und dann und wann in den Spritzern einer Welle. Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön. So schön, dass viele Menschen allein deswegen nach Kladow fuhren, denn was will man sonst schon in Kladow? Höchstens ein wenig radeln, wenn man schon dort ist. Am Ufer wartete man danach in einem der vier, fünf Gartenlokale auf die Rückfahrt. Manche würden am liebsten den ganzen Tag auf der Fähre hin- und herfahren; aber das ist verboten. Man muss das Schiff bei Ankunft verlassen und sich hinten an der Schlange der Wartenden neu anstellen. Bei gutem Wetter wurde es manchmal sehr voll. Nicht immer reichten die 25 Stellplätze für Fahrräder.

Auch das ist Vergangenheit. Seit 2014 gibt es ein neues Schiff. Eigentlich kein Schiff, sondern eine Art schwimmender Butterdose aus Rauchglas. Es gibt keine offenen Decks mehr. Es gibt nur einen hermetisch schließenden Behälter. In den müssen alle rein. Drinnen gibt es unwahrscheinlich viele Stellplätze für Fahrräder. Wenn schon, denn schon!

Doppelte Aussicht aus der schwimmenden Butterdose

Doppelte Aussicht aus der schwimmenden Butterdose

In diesem Behälter fühlt man sich wie in einem U-Bahn-Waggon. Es riecht nur anders. Nicht nach metropolitaner U-Bahn, sondern stickig nach muffigem Kunststoff. Man kann kein Fenster öffnen, und es ist meist viel zu warm. Es wird einem schon schlecht von dieser Luft, bevor das Schiff abgelegt hat.

Die Fenster aus Rauchglas schützen vor Sonne und Wind und vor der Aussicht. Es sieht draußen dunkel aus, und die Aussicht von hinter einem spiegelt sich auch noch im Fenster vor einem. Zwei halbe Aussichten übereinander statt einer ganzen: im Bild die Insel Imchen und in Spiegelschrift der Anleger. Die Überfahrt wird zur Qual. Man hat die Nachteile einer U-Bahn-Fahrt ohne deren Vorteile kombiniert mit einem neuen Nachteil: der stickigen Luft.

Berlin, Rahnsdorfer FähreVon 1911 bis 2013 gab es auch noch eine Ruderfähre zwischen Rahnsdorf Kruggasse und Spreewiesen. In der Wikipedia steht: „Die ehemalige Fährlinie 24 (Spreewiesen ↔ Rahnsdorf) über die Müggelspree, war bis zur Saison 2013 die kleinste der da noch sechs BVG-Fähren, sie war Deutschlands einzige Ruderfähre im Linienbetrieb und wurde mit einem Ruderboot (Paule III) betrieben. Das Boot war drei Meter lang und bot Platz für acht Personen, auch Fahrräder werden befördert. Etwa 40 Mal am Tag setzte der Fährmann Ronald Kebelmann die 36 Meter über. Es existierte zwar ein Fahrplan, allerdings wurde auch zu anderen Zeiten übergesetzt, sobald Personen an der Anlegestelle stehen. Das hatte sich seit 1911, als der Rahnsdorfer Fischer Richard Hilliges mit dem Fährbetrieb begann, nicht geändert.“

Das war die schönste von allen Fähren. Sie erschloss ein wunderschönes Waldgebiet um die Krumme Laake, das man nun nur noch auf Umwegen erreichen kann. Dass die Metropole Berlin  sich kein Ruderboot mehr leisten kann, in dem jeder Passagier und jedes Fahrrad den Nahverkehrstarif bezahlt, ist schwer vorstellbar. Da kommen ein paar Hundert Euro pro Tag rein, das Boot ist aus Kunststoff und braucht keine jährliche Lackierung, also geht es nur um den Ruderer.  Und ums Prinzip: ein Ruderboot kann man einfach nicht zu einer Butterdose umbauen.

Die Krumme Laake ist nun von Rahnsdorf aus nicht mehr erreichbar. Wahrscheinlich wird Herr Mehdorn demnächst einen Tunnel bauen, der die Ruderfähre ersetzt. Es sind ja nur 36 Meter. Aber mit der Planung kann er natürlich erst anfangen, wenn der Flughafen in Betrieb ist. First things first.

So einen Tunnel gibt es wirklich am anderen Ende des Müggelsees, bei Friedrichshagen. Er sieht genau aus wie ein U-Bahnhof, nur, dass man alles zu Fuß machen muss. Das ZDF hat dort voriges Jahr einen Gruselfilm gedreht.

Solch einen Tunnel gab es auch am Ende der Tunnelstraße auf der Halbinsel Stralau. Den hat man irgendwann geschlossen.

Apr 082014
 

Stadtbahn-LogoIn Berlin gibt es die S-Bahn, die U-Bahn und Straßenbahnen. Die Berliner S-Bahn (S von „Stadtschnellbahn“) sieht unverwechselbar aus wie die Berliner S-Bahn. Die Berliner U-Bahn sieht aus wie die U-Bahnen in Metropolen wie London oder Paris. Beide fahren völlig getrennt vom Straßenverkehr und haben Bahnhöfe. Die Straßenbahn fährt auf der Straße herum, kann deswegen keine Stromschiene haben und hat eine Oberleitung. Sie hat keine Bahnhöfe, sondern Haltestellen.

Im Ruhrgebiet, in Köln und Düsseldorf hat man irgendwann angefangen, Stücke von Straßenbahnstrecken einzugraben. Auch unter der Erde sehen diese Straßenbahnen mit ihrer Oberleitung wie Straßenbahnen aus, und am Ende des Tunnels fahren sie wieder auf der Straße herum.

Weil diese Städte gerne metropolitan sein wollten, haben sie jede Straßenbahnlinie, von der ein kleines Stückchen eingegraben wurde, mit einem weißen U auf blauem Grund gekennzeichnet, wie die Berliner U-Bahn. Darunter steht dann auch noch „Stadtbahn“, mit S. Ich habe das schon immer bedenklich gefunden. Seit heute morgen ist gesichert, dass man davon geistig umnachtet wird. Hier ein Chat mit einem Kölner, der sich derzeit in Neukölln aufhält, ganz Berlin erkunden will und mich um Rat fragte:

[08:24:53] Harry: ich brauche einfach Zeit, alles zu lernen, anders geht es nicht. es ist einfach eine Grossstadt, dass hatte ich vergessen 😉
[08:28:20] Hanno: Ich rate, mit dem Erkunden anzufangen mit Bus und Straßenbahn. Und dann interessante Gegenden zu Fuß zu besuchen.
[08:30:21] Harry: diese Stadt kann man nicht in einer Woche kennen lernen…
[08:30:53] Harry: dass möchte ich, was natürlich NICHT funktioniert!!!
[08:31:41] Hanno: http://www.bvg.de/index.php/de/3713/name/Liniennetz.html
[08:32:08] Hanno: Hier findest du das Straßenbahnnetz. Das bekommst du auch auf Papier am Bahnhof Köpenick.
[08:32:23] Hanno: Köpenick ist echt ein Straßenbahn-Zentralpunkt.
[08:32:33] Harry: dass hätte ich nicht gedacht!
[08:32:51] Harry: diesen besagten Plan habe ich auf Papier und ständig dabei!
[08:33:05] Hanno: Den Plan habe ich noch nie bei dir gesehen.
[08:33:08] Harry: ohne diesen wär ich wohl schon in Moskau angekommen 😉
[08:33:19] Hanno: „Straßenbahnnetz“ schrieb ich.
[08:33:21] Hanno:
Straßenbahnnetz
[08:33:40] Harry: dass ist doch der kleine Faltbare, den ich dann immer verkleinere!!!
[08:33:53] Harry: habe diesen unverzichtbaren Plan
[08:33:58] Hanno: S t r a ß e n b a h n n e t z
[08:34:20] Harry: und dabei habe
[08:34:21] Hanno: Kennst du den Unterschied zwischen Straßenbahn und S-U-Bahn?
[08:34:24] Harry: sonst geht es nicht!
[08:35:19] Harry: grundsätzlich schon – für mich sind es eigentlich allgemein Straßenbahnen, bzw. eigentlich passt Züge besser
[08:35:39] Hanno: Es hat keinen Zweck.
[08:36:02] Hanno: Ich will dir was erklären, und ich weiß natürlich, dass du das S-U-Bahnnetz immer dabei hast.
[08:36:19] Hanno: Aber ich rede vom Straßenbahnnetz. Das ist etwas anderes. Straßenbahnen fahren mitten auf der STRASSE.
[08:36:23] Harry: S – U – Bahn sind auch Strassenbahnen, wenn auf Strassen fahren – U-Bahn fährt in Köln auch auf der Strasse !!!
[08:36:37] Harry: hier vielleicht nicht – aber es sind alles Züge!!!
[08:36:46] Hanno: Ich gebe auf.
[08:37:10] Harry: es sind alles Züge, ob es dann S oder U Bahnen sind –
[08:37:45] Hanno: Die S-Bahn, das sind Züge der Bundesbahn. Für den Nahverkehr eingerichtete Eisenbahnen.
[08:37:49] Harry: jedenfalls habe ich den Plan, wo S / U, aber keine Bus und Tramp Verbindungen drauf sind
[08:37:57] Hanno: Ja, ich weiß.
[08:38:06] Harry: dass ist mir bekannt, dass die S von der DB ist
[08:39:21] Hanno: Die U-Bahn, das sind ganz andere Züge. Die fahren hier immer entweder unter der Straße oder als Hochbahn und nur in ein, zwei Außenbezirken auf Straßenniveau. Aber auch da immer eingezäunt und für Fußgänger unerreichbar.
[08:39:32] Hanno: Beide nennt man hier NICHT Straßenbahn.
[08:39:53] Hanno: Wenn du darauf besteht, sie Straßenbahn zu nennen, können wir uns nicht verstehen.
[08:40:04] Hanno: Du hast das S-U-Bahn-Netz. Ich rede vom Straßenbahnnetz. Da stehen die Linien drauf, die man hier in Berlin Straßenbahn nennt. Dass sind also NICHT, WIRKLICH NICHT die S- und U-Bahnen!
[08:40:54] Hanno: Was ich sagen wollte:
[08:40:55] Harry: ok, aber es sind Züge – du „darfst“ es nicht so eng sehen – es sind alles Züge und die brauche ich hier 😉
[08:41:03] Hanno: Ok, ich gebe auf. Ich wollte dir einen Rat geben, aber ich komme nicht durch.  Es gelingt mir nicht, deine Aufmerksamkeit auf einen Plan zu lenken, den du noch nicht kennst.
[08:41:50] Harry: oben auf der Karte steht „S“ “ U“ und „Bahn“ Berlin Liniennetz Routemap (letzte Wort kursiv)
[08:42:33] Hanno: Ich wollte von etwas ANDEREM reden, aber ich komme nicht durch.
[08:42:37] Hanno: Ende der Sendung.
[08:45:16] Harry: sei einfach etwas geschmeidiger 😉

 

Feb 172014
 
Trotz Tarnfarbe der Arbeitsfläche ist verbrannter Brotstaub zu erkennen. Hat hier ein Toaster gestanden, in dem auch kinderpornographisches Beweismaterial verbrannt wurde?

Trotz Tarnfarbe der Arbeitsfläche ist verbrannter Brotstaub zu erkennen. Hat hier ein Toaster gestanden, in dem auch kinderpornographisches Beweismaterial verbrannt wurde?

In dieser äußerst unappetitlichen Sache laufen drei Fragen durcheinander. Rationalitas hilft, sie zu entwirren.

Erstens die Frage, wie eine Organisation bei einem vermuteten, aber noch nicht nachgewiesenen Verbrechen eines ihrer Funktionäre Schaden von sich abwenden kann. Wer muss oder darf wen beim ersten Verdacht informieren, damit der Verdächtigte seine Organisation nicht in noch größere Verlegenheit bringen kann? Der katholischen Kirche hat meist versucht, solche Probleme intern, ohne viel Aufsehens zu lösen und wird dafür der Vertuschung beschimpft. Die Regierungsparteien machen es in der Angelegenheit E. ganz anders. Politiker und Beamte werfen sich öffentlich vor, wer wem was wann nicht hätte sagen dürfen oder gerade sagen müssen. Sogar Schweigen am Telefon wird bei Jauch ausgiebig behandelt. Diese Frage gehört in de Rubrik: Wie mauschelt man am effektivsten, um seine Macht zu erhalten? Rationalitas überlässt diese Rubrik gerne anderen Medien.

Zweitens die Frage der Strafvereitelung. Das Wort ist derzeit in aller Munde. Aber was bedeutet es eigentlich? Wenn ich jemandem sage: „Es kann sein, dass die Staatsanwaltschaft gegen dich ermittelt.“, motiviere ich ihn vielleicht, Beweise verschwinden zu lassen. Ist das dann aber schon Strafvereitelung nach §258 StGB? Und spielt es dann eine Rolle, ob ich weiß, dass die Staatsanwaltschaft ermittelt oder es mir nur wahrscheinlich vorkommt? Wenn man hier weiterdenkt, sind schon Eltern wegen Strafvereitelung strafbar, die ihren Kindern sagen: „Wenn du bei Rot über die Straße gehst, holt dich die Polizei.“? Wir kennen aber auch die gesetzlich vorgeschriebene Belehrung: „Ich weise Sie darauf hin, dass alles, was Sie jetzt sagen, gegen Sie verwendet werden kann.“? Strafvereitelung strafbar, und nichts hindert die Justiz daran, sie zu verfolgen. Wer sich aber mit diesem komplizierten juristischen Begriff nicht auskennt, sollte das Wort nicht verwenden. Im Falle E. ist der Vorwurf der Strafvereitelung ein Nebenschauplatz, der vom Hauptgeschehen ablenkt.

Schauen wir darum genauer nach dem dritten, menschlich wichtigsten Aspekt, der im Nebel der ersten beiden Fragen unsichtbar wird: Was ist E. eigentlich vorzuwerfen und wie gehen wir damit um?

Sex mit Kindern, ganz egal wie „einvernehmlich“, ist streng verboten, weil dem Kind damit geschadet wird. Sex mit Abhängigen und Schutzbefohlenen ist streng verboten, weil sich in einem Abhängigkeitsverhältnis die Frage der Einvernehmlichkeit gar nicht klären ließe. Sex mit abhängigen oder schutzbefohlenen Kindern ist darum doppelt verwerflich.

Besonders schlimm ist es, wenn Autoritätspersonen, die als Politiker mit moralischem Anspruch, als Lehrer oder Priester für das Gute eintreten, Sex mit Kindern haben oder fördern. Sie schaden nicht nur dem Kind, sondern untergraben aus Schlimmste das Vertrauen in ihre Partei, Schule oder Kirche, und benutzen ihre Stellung auch noch zur Vertuschung. Wenn so jemand so etwas getan hat, ist höchste Entrüstung gerechtfertigt. Wenn.

Weil so etwas so schlimm ist, kann der alleinige Verdacht Karrieren brechen und Existenzen zerstören. Wobei auch noch undeutlich bleibt, wessen E. genau verdächtigt wird. Lassen wir unterscheiden!

Bisher weist nichts darauf hin, dass E. tatsächlich Sex mit einem Kind hatte, das jemals anstrebte oder in Zukunft anstreben wird. Jeder, der dazu beiträgt, dass solch ein Verdacht in der Öffentlichkeit genährt wird, macht sich des Rufmordes, ja, der Vernichtung eines Menschen mitschuldig. Wenn sich der Verdacht als haltlos erweisen sollte, ist es zu spät.

Kinderpornographie ist etwas Fürchterliches, weil neben Sex auch noch Gewalt und Veröffentlichung im Spiel ist. Herstellung und Vertrieb ist darum strengstens verboten.

Dass auch der bloße Besitz verboten ist, ist umstritten. Wer im stillen Kämmerlein eine kinderpornographische Abbildung benutzt, fügt dem Kind keinen zusätzlichen Schaden mehr zu; aber vielleicht hält ihn die Benutzung der Abbildung von einer schlimmen Tat ab wie das Methadon den Heroinsüchtigen. Dennoch ist bei uns der Besitz streng verboten, und daran muss sich jeder halten. Manche Befürworter des Verbotes glauben, dass der Schritt vom Bild zur Tat nur klein ist. Manche glauben, dass schon die Benutzung des Bildes dem Kind schadet. Gerade darum gilt auch hier: wer dazu beiträgt, dass solch ein Verdacht in der Öffentlichkeit genährt wird, lädt möglicherweise Schuld auf sich.

In einem Rechtsstaat muss selbstverständlich die Staatsanwaltschaft einem Anfangsverdacht nachgehen, aber sie muss das ebenso selbstverständlich so diskret tun, dass kein Schaden entstanden ist, wenn der Verdacht sich nicht erhärtet. Stellen Sie sich doch einmal vor, Ihr Nachbar würde Sie anzeigen, und übermorgen würden Sie in allen Medien schon als Kinderschänder vorverurteilt, mit spannenden Innenaufnahmen der Hausdurchsuchung. Stellen Sie sich vor, wie es sich anfühlt, wenn man gerade die Tatsache, dass sich nichts beweisen lässt, öffentlich gegen Sie verwendet. Sie müssen ja ganz besonders schlimme Taten begangen haben, wenn Sie so sorgfältig alle Spuren vernichtet haben, dass sich wirklich nichts mehr beweisen lässt! Ach so, das kann Ihnen nie passieren, weil Sie ein ordentlicher Mensch sind. Aber weiß das Ihr Nachbar?

Bisher gibt es keine Beweise, dass E. tatsächlich in Deutschland verbotene kinderpornographische Abbildungen in seinem Besitz hatte, und schon gar keine, dass er jemals etwas Verbotenes mit einem Kind getan hätte oder tun wollte. Er hat in Kanada Bilder gekauft, die nach deutschem Recht nicht verboten sind. Wir bekommen die aber nicht zu sehen, also wird suggeriert, dass sie, obgleich legal, doch schon so anrüchig sein, dass sie das Licht der Öffentlichkeit nicht ertragen können.

E. hat aber, wird uns erklärt, diese Bilder mit verschiedenen Kreditkarten und e-mail-Adressen gekauft, was ja wohl darauf hindeute, dass er seine Identität verschleiern wollte. Das kann ja sein; aber weil es so viel Kreditkarten- und Passwortbetrug und so viel Spam gibt, jonglieren viele Menschen im Internet mit verschiedenen Kreditkarten und Adressen.

Auch würde, so hören wir, der kanadische Anbieter andere Dinge verkaufen, die nach deutschem Recht sehr wohl strafbar sind. Ja, überprüfen Sie denn, ob Ihr Autohändler nur „saubere“ Autos verkauft?

Als E., ein prominenter Politiker, erfuhr, dass gegen ihn ein Verdacht gehegt wird, schickte er seinen Anwalt zur Staatsanwaltschaft, um zu erfahren, was eigentlich wirklich los ist. Ja, was hätten Sie denn an seiner Stelle getan? Und jetzt steht in den Zeitungen, der Anwalt habe versucht, herauszubekommen, was die Staatsanwaltschaft alles vermutet. Also müsse da ja wohl Schuld vorliegen, sonst bräuchte er doch nicht zu „fischen“. Spätestens in diesem Stadium sind wir bei den mittelalterlichen Hexenproben angekommen: ertrinkt sie, war sie unschuldig; ertrinkt sie nicht, kann sie ja wohl hexen und wird verbrannt.

Und dann ist da noch der Staub. In beiden Wohnungen E.s weisen Staubreste darauf hin, dass dort einmal Computer gestanden haben könnten. Dass die jetzt nicht mehr da stünden, erfülle ja wohl den Tatbestand der Beweisvernichtung, hören wir.

Vielleicht haben Sie auch zu Hause ein paar alte Computer herumstehen. Wenn nicht, stellen Sie es sich bitte einmal vor! Auf diesen Computern stehen e-Mails, Chat-Protokolle und ausgetauschte Bilder von Jahrzehnten, seit der Zeit der ersten Bulletin-Board-Systeme. Sie haben nie etwas Illegales getan, nie etwas Illegales empfangen und gespeichert. Alles ist juristisch und moralisch einwandfrei. Aber es ist sehr viel, und darunter sind auch intime Mitteilungen Ihrer Bekannten. Da hat ein Kollege im Chat Rat gesucht, weil er fremd geht. Da hat ein Neffe nebenbei erwähnt, dass er schwarz eine Putzfrau beschäftigt. Da liebäugelt eine Cousine, prominente Direktorin eines evangelischen Bildungswerkes, mit dem Katholizismus und fürchtet zu Recht um ihre Stelle. Da hat ein Bekannter ein zwar durchaus legales, aber doch krasses Hobby, von dem seine Chefs nichts wissen sollen. Sie denken schon lange: Ich muss endlich mal die paar Mails, die mir wertvoll sind, heraussuchen und sichern, den Rest gründlich löschen und die alten Kästen verschrotten. Aber sie kommen nicht dazu. Vielleicht morgen. Können Sie sich das vorstellen?

Und dann teilt Ihnen Ihr Anwalt mit, dass eine Hausdurchsuchung nicht undenkbar ist. Ja, was machen Sie denn dann? Wollen Sie dann nicht ihre Kollegen, Bekannten und Verwandten davor schützen, dass die Anwaltschaft in all den alten Chats und Mails herumschnüffelt? Ist das denn nicht Anlass, endlich mal aufzuräumen?

Und der Staub? Da sind wir wieder bei der Hexenprobe. Wenn sie den sorgfältigst entfernen, wollten Sie nicht nur die alten Daten löschen, sondern sogar verschleiern, dass sie überhaupt je alte Computer hatten. Das ist ja dann wohl ganz besonders verdächtig!

Natürlich kann es auch ganz anders sein. Man kann nicht ausschließen, dass E. ein besonders verabscheuenswürdiger Triebtäter ist. Ebensowenig wie man ausschließen kann, dass Sie, lieber Leser, einer sind. Besitzen Sie einen Akten-Reißwolf? Nein? Na, dann weiß man ja genug.