Jun 182013
 

Berlin bekommt nicht nur ein neues Schloss, sondern in der Nähre auch noch ein Wiedervereinigungs-Denkmal, das soundsovielte in der Stadt. Dem Volk wurden im Internet zehn Entwürfe vorgelegt, und es entschied sich für diesen, den ein Architekt zusammen mit einer Choreografin ausgedacht hat. Architekten verstehen etwas von Statik. Gebäude sollen stehen bleiben. Choreografen verstehen etwas von Bewegung. Bei so einer Zusammenarbeit kommt dann eine riesige Wippe heraus. Wenn mindestens fünfzig Menschen auf einer Seite stehen, wird sie sich neigen. Die Menschen erfahren dann, wie viel Kraft man hat, wenn man zusammen was macht. „Wir sind das Volk“ und so.

Tolle Idee! Die Kommission, die die zehn Entwürfe dem Volk vorlegte, war davon begeistert, das Volk auch, und nun soll es also gebaut werden.

Und in all den Kommissionen und unter all den Journalisten ist niemand, der sieht, dass das nichts werden wird. Wenn es überhaupt gebaut wird, wird es ein paar Wochen später nur noch peinlich sein. Hat denn niemand genug Vorstellungsvermögen?

Erstens wird so eine runde Schale sich in alle Richtungen bewegen, wenn Leute darauf herumturnen. Damit sie sich nicht dreht, muss sie in Schienen oder Ähnlichem gelagert werden und sieht dann gar nicht mehr so leicht und verspielt aus.

Zweitens hat so ein riesiges Ding eine hohe Trägheit. Wenn es erst mal in Bewegung gekommen ist, wird jede Töle und jedes Kind darunter ganz und gar zermatscht, und die Erwachsenen, die zur Rettung hinzueilen, gleich mit. Man muss dann die Flecken abkratzen wie Kaugummis auf dem Bürgersteig. Nachdem das einmal geschehen ist, muss alles mit einem unüberwindlichen Zaun abgesperrt werden. Das Volk wippt dann in einem Käfig der Freiheit entgegen. Aber der Käfig muss von innen so gestaltet sein, dass man sich da, wenn man gerade oben ist, nicht festklammern kann. Und so weiter und so weiter.

Drittens ist da der Übergang vom festen Zugang zur beweglichen Wippe mit ihrer großen Trägheit. Da kann man sich den ganzen Fuß abquetschen. Da muss also eine Gummikonstruktion hin wie in Gelenkbussen.

Das Resultat wird viel plumper und bedrohlicher aussehen als dieser Entwurf, es wird noch ein paarmal nachgebessert werden, wenn etwas passiert, und am Ende legt der TÜV es still. Dann steht da wieder eine Ruine, wie damals die Ruine des Palastes der Republik.

Berlin hat damit Erfahrung. Unweit vom Potsdamer Platz gibt es fünf riesige Wippen nebeneinander in einem ohnehin kläglichen Park, der nach Tilla Durieux benannt ist.

Auf jeden Hebel jeder Wippe würden mindestens zehn Menschen passen. Da könnten also hundert Menschen wippen. Auch hier kann man sich mit ein wenig Gefühl für Trägheit vorstellen, wie schwer so ein Ding aufzuhalten ist, wenn da mal ein Bein oder Haustier drunter gerät. Aber offenbar ist hier noch kein Unglück geschehen, weil der Mechanismus selbst zu schwach ist. Die Rohre sehen sehr stabil als, aber wenn mehr als zwei Menschen auf jedem Ende sitzen, hält die Halterung es nicht mehr aus und muss für 8000 Euro repariert werden. Darum hat die Stadt alles stillgelegt und ordentlich festgeschraubt. Schon vor Jahren.

 

Der Architekt jedoch entfloh
nach Afri- od. Ameriko.  (Chr. Morgenstern)

 

 

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