Mai 222014
 
eine Butterdose aus Rauchacryl

Die neue Wannseefähre 2014

In Berlin bauen sie eine neue U-Bahn. Laut Reklame im Infocenter wird sie „die U-Bahnlinie mit den meisen Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt an der Strecke sein“. Rührend! Wenn man mit seinem Kind durch den Tunnel führt, kann man sagen: „Hier oben steht der Fernsehturm.“ – „Wo?“ – „Den sieht man nicht. Und hier steht jetzt das Rathaus.“ – „Wo denn?“ – „Das sieht man auch nicht. Aber jetzt kommt die Marienekirche.“ Das Kind spielt inzwischen gelangweilt mit seinem Smartphone.

 

am Infocenter des U5-Lückenschlusses

am Infocenter des U5-Lückenschlusses

Die BVG rät übrigens, dass man mit dem Linienbus 100 fahren soll, statt eine teure kommerzielle Stadtrundfahrt zu buchen. Zugegeben: der Bus fährt oberirdisch und hat viele Fenster. Manchmal ist es sogar ein Doppeldecker. Nur hat die BVG die meisten Fenster mit Reklame zugeklebt. Von innen sieht man fast nichts mehr, als blickte man durch eine geschlossene Gardine.

Blick aus Linie 100 unter den Linden

Blick aus Linie 100 unter den Linden

Der selbe Bus von außen

Der selbe Bus von außen

Berlin hat eine der schönsten Eisenbahnstrecken der Welt. Vom Westkreuz bis Ostkreuz führt die S-Bahn und die Fernbahn auf einem Viadukt quer durch die Innenstadt mit Aussicht auf unwahrscheinlich viele Sehenswürdigkeiten: Gedächtniskirche, Zoo, Spreeschleuse, Tiergarten, Siegessäule, Schloss Bellevue, Garten des Bundeskanzleramtes, Bundeskanzleramt, Brandenburger Tor, Reichstag, Potsdamer Platz, Bundestagsgebäude, Theater am Schiffbauerdamm, Monbijoupark, Hackesche Höfe, Dom, Marienkirche, Fernsehturm, Alexanderplatz, ehemalige ORWO-Glühlampenfabrik und noch viel mehr.

Man hätte diese Strecke vor drei Jahren als Weltkulturerbe anmelden sollen. Jetzt ist es zu spät. Wo immer es geht, hat man angefangen, links und rechts langweilige Bürohäuser zu errichten. Ungefähr die Hälfte der Aussicht ist schon verschwunden, und es wird weiter gebaut. In einem Jahr wird man nur noch dann und wann eine Zehntelsekunde einen Blick aufs Kanzleramt oder den Reichstag erhaschen. Auch auf dem Alexanderplatz und weiter östlich wird gebaut.

Wenn alles fertig ist, wird die Fahrt auf dieser Strecke einer U-Bahn-Fahrt ähneln: links und rechts vor den Fenstern Wände. „Hier, ganz nah, liegt der Kanzlergarten; aber den sieht man nicht.“ Dabei werden die Wände auf der Museumsinsel noch zu den schönsten gehören.

Diese Eisenbahnstrecke ist kulturgeschichtlich für immer verloren. Sie dient bald nur noch dem Transport von Menschen, nicht mehr der Erfahrung der Metropole mit ihrer Architektur, genau wie die parallel dazu unterirdisch verlaufende neue U5.

Der öffentliche Berliner Nahverkehr umfasst auch etliche Fähren. Mit seiner normalen Zeitkarte oder einem Einzelfahrschein kann man eine halbe Stunde lang quer über Wannsee und Havel fahren: vom S-Bahnhof Wannsee nach Kladow. Bis 2013 gehörte diese Schifffahrt zu den schönsten Erlebnissen der Stadt. Das Schiff war in der Mitte überdacht, am Bug und Heck konnte man aber unter freiem Himmel sitzen. Vor allem am Bug hatte man rundum eine herrliche Aussicht, man saß in Wind und Sonne und dann und wann in den Spritzern einer Welle. Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön. So schön, dass viele Menschen allein deswegen nach Kladow fuhren, denn was will man sonst schon in Kladow? Höchstens ein wenig radeln, wenn man schon dort ist. Am Ufer wartete man danach in einem der vier, fünf Gartenlokale auf die Rückfahrt. Manche würden am liebsten den ganzen Tag auf der Fähre hin- und herfahren; aber das ist verboten. Man muss das Schiff bei Ankunft verlassen und sich hinten an der Schlange der Wartenden neu anstellen. Bei gutem Wetter wurde es manchmal sehr voll. Nicht immer reichten die 25 Stellplätze für Fahrräder.

Auch das ist Vergangenheit. Seit 2014 gibt es ein neues Schiff. Eigentlich kein Schiff, sondern eine Art schwimmender Butterdose aus Rauchglas. Es gibt keine offenen Decks mehr. Es gibt nur einen hermetisch schließenden Behälter. In den müssen alle rein. Drinnen gibt es unwahrscheinlich viele Stellplätze für Fahrräder. Wenn schon, denn schon!

Doppelte Aussicht aus der schwimmenden Butterdose

Doppelte Aussicht aus der schwimmenden Butterdose

In diesem Behälter fühlt man sich wie in einem U-Bahn-Waggon. Es riecht nur anders. Nicht nach metropolitaner U-Bahn, sondern stickig nach muffigem Kunststoff. Man kann kein Fenster öffnen, und es ist meist viel zu warm. Es wird einem schon schlecht von dieser Luft, bevor das Schiff abgelegt hat.

Die Fenster aus Rauchglas schützen vor Sonne und Wind und vor der Aussicht. Es sieht draußen dunkel aus, und die Aussicht von hinter einem spiegelt sich auch noch im Fenster vor einem. Zwei halbe Aussichten übereinander statt einer ganzen: im Bild die Insel Imchen und in Spiegelschrift der Anleger. Die Überfahrt wird zur Qual. Man hat die Nachteile einer U-Bahn-Fahrt ohne deren Vorteile kombiniert mit einem neuen Nachteil: der stickigen Luft.

Berlin, Rahnsdorfer FähreVon 1911 bis 2013 gab es auch noch eine Ruderfähre zwischen Rahnsdorf Kruggasse und Spreewiesen. In der Wikipedia steht: „Die ehemalige Fährlinie 24 (Spreewiesen ↔ Rahnsdorf) über die Müggelspree, war bis zur Saison 2013 die kleinste der da noch sechs BVG-Fähren, sie war Deutschlands einzige Ruderfähre im Linienbetrieb und wurde mit einem Ruderboot (Paule III) betrieben. Das Boot war drei Meter lang und bot Platz für acht Personen, auch Fahrräder werden befördert. Etwa 40 Mal am Tag setzte der Fährmann Ronald Kebelmann die 36 Meter über. Es existierte zwar ein Fahrplan, allerdings wurde auch zu anderen Zeiten übergesetzt, sobald Personen an der Anlegestelle stehen. Das hatte sich seit 1911, als der Rahnsdorfer Fischer Richard Hilliges mit dem Fährbetrieb begann, nicht geändert.“

Das war die schönste von allen Fähren. Sie erschloss ein wunderschönes Waldgebiet um die Krumme Laake, das man nun nur noch auf Umwegen erreichen kann. Dass die Metropole Berlin  sich kein Ruderboot mehr leisten kann, in dem jeder Passagier und jedes Fahrrad den Nahverkehrstarif bezahlt, ist schwer vorstellbar. Da kommen ein paar Hundert Euro pro Tag rein, das Boot ist aus Kunststoff und braucht keine jährliche Lackierung, also geht es nur um den Ruderer.  Und ums Prinzip: ein Ruderboot kann man einfach nicht zu einer Butterdose umbauen.

Die Krumme Laake ist nun von Rahnsdorf aus nicht mehr erreichbar. Wahrscheinlich wird Herr Mehdorn demnächst einen Tunnel bauen, der die Ruderfähre ersetzt. Es sind ja nur 36 Meter. Aber mit der Planung kann er natürlich erst anfangen, wenn der Flughafen in Betrieb ist. First things first.

So einen Tunnel gibt es wirklich am anderen Ende des Müggelsees, bei Friedrichshagen. Er sieht genau aus wie ein U-Bahnhof, nur, dass man alles zu Fuß machen muss. Das ZDF hat dort voriges Jahr einen Gruselfilm gedreht.

Solch einen Tunnel gab es auch am Ende der Tunnelstraße auf der Halbinsel Stralau. Den hat man irgendwann geschlossen.

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