Feb 032014
 

Ein Film von Stephan Lacant, 2013

Das Leben von Marc und Bettina könnte nicht glücklicher und angenehmer sein. Sie lieben sich, sich haben jung geheiratet und erwarten und bekommen einen gesunden Sohn. Marc ist mit Hingabe Polizist in einem SEK, wo ihn seine Kollegen schätzen, ein naher Verwandter und Nachbar sein Gruppenführer ist und wo seine Karriereschritte vorgezeichnet sind. Seine Eltern freuen sich darauf, als Großeltern helfen zu dürfen, und haben für die junge Familie ganz in ihrer Nähe eine Reihenhaushälfte gekauft und eingerichtet. Marc und Bettina essen oft gemeinsam mit den Eltern und dem Gruppenführer und dessen Frau. Alles läuft genau so, wie alle es sich wünschen. Etwas anderes könnten sie sich auch gar nicht wünschen, weil sie nichts anderes kennen. Nur Bettina sagt einmal, dass sie das Gefühl hat, nicht atmen zu können. Darüber wird aber nicht groß weiter geredet. Überhaupt reden alle kaum miteinander. Sie haben es wohl nicht gelernt, und es scheint ja auch nicht nötig.

In so einer Kleinstadtsiedlung zwischen Beruf, Eltern und Baby kann man seinen Horizont nicht erweitern, keine interessante Manschen kennenlernen, keine neuen Perspektiven entdecken; da geht alles so weiter, wie es ist, da wird man gemeinsam alt und merkt gar nicht, dass man immer starrer wird. Man hält es für Liebe.

Es sei denn, es knallt und wirbelt irgendwann. Zum Beispiel in Form einer Midlifecrisis. Oder schon ganz früh, wenn einer der beiden merkt, dass es mehr gibt, körperlich und geistig, als man in so einem Heim findet. Dann kommt es zum Seitensprung.

So auch hier. Im SEK trainieren und arbeiten die Männer zusammen mit gut aussehenden, starken jungen Frauen, die nach Feierabend kein Baby versorgen müssen. Kay, blond, leicht verrucht, freigekämpft, verliebt sich in Marc und macht ihn, wenn die Kollegen nicht hinschauen, hemmungslos an. Bald trainieren und joggen die beiden zusammen, auch nach Feierabend. Kay verführt Marc nach allen Regeln der Kunst und bringt ihm bei, was man alles beim Joggen im Wald machen kann. Der Film zeigt vor allem lange, tiefe Küsse in Großaufnahme. Kay gibt Marc einen Wohnungsschlüssel, erklärt: „ich liebe dich“ und fragt immer wieder: „Wann sagst du es endlich deiner Frau?“ Bettina aber glaubt an Sonderschichten, die ihr karrierebewusster Mann einlegt.

Kay hält es nicht mehr aus, lässt sich versetzen und verschwindet mit unbekanntem Aufenthaltsort aus Marcs Leben. Aber da ist es schon zu spät. Als Bettina herausbekommt, dass ihr Mann sie über längere Zeit systematisch betrogen hat, verliert Marc im freien Fall Frau, Kind, Eltern, Haus und den Respekt seiner Kollegen, wie es in so einer kleinbürgerlichen Konstellation zwingend vorgezeichnet ist. Der Leser kennt das Muster womöglich aus eigener Erfahrung, sicher aber aus dem Bekanntenkreis.

Warum sollte man sich also den soundsovielten Film über das Zerbrechen einer jungen Ehe an einem Seitensprung ansehen?

Vor allem, weil der Film die Zuschauer in zwei Lager spalten wird, die beide ihre Ansichten bestätigt sehen werden.

Das eine Lager wird sagen, dass sich Marc nur auf die Ehe mit Bettina eingelassen hat, weil er weder von seinen Eltern noch auf der Schule oder in der Nachbarschaft gelernt hat,  dass es auch anders geht. In einer aufgeklärteren Gesellschaft hätte er sich gleich einen Kerl wie Kay gesucht, rau, männlich, mit Stoppelbart und kurzen Fingernägeln, einen Kerl, mit dem man nicht nur schmusen, sondern auch raufen, kämpfen und im Wald herumstromern kann, und der nicht nach Parfüm und Östrogen riecht, einen Mann, wie er selbst einer ist, nicht eine sanfte Frau als Gegenpol. Darum fordert Kay im Film auch mehrfach: „Gestehe dir endlich ein, dass du schwul bist.“

Das andere Lager wird seine schlimmsten Befürchtungen wieder einmal bestätigt sehen: wenn ein Mann, der alles hat, um glücklicher Familienvater zu werden, auch nur ein einziges Mal zum Analverkehr mit einem anderen Mann verführt wird, ist er für den Rest seines Lebens verloren, mit Drogen, Promiskuität und allem Drum und Dran, und wird zu Recht ausgestoßen. Das steht ja schon in Leviticus 18,22, und man hätte den §175 nie abschaffen dürfen. „Dazu haben wir dich nicht erzogen“, sagt denn auch Marcs Mutter.

Übrigens fürchtet der Rezensent, dass im ersten Falle Marcs Leben genauso spießig verlaufen wäre: mit Mann, Labrador oder afrikanischem Adoptivkind, Reihenhaus, Eltern und Midlifecrisis. Und im zweiten Falle, mit § 175, hätte er früher oder später Parks und Bahnhofsklos entdeckt und auch alles verloren.

Können wir nicht einfach die schönen, stoppelbärtigen Kussszenen genießen?

 

Freier Fall

Ein Film von Stephan Lacant, 2013

freierfall-film.de

  One Response to “Freier Fall”

  1. Hier gibt es ein durchaus interessantes Interview mit dem Schauspieler des einen der Beiden:

    http://www.vierundzwanzig.de/schauspiel/freier_fall_interview_mit_dem_schauspieler_hanno_koffler

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