Okt 092011
 

Niederländische Bahn plant „Pinkel-Beutel“ lesen wir auf meta.tagesschau.de. Hahaha, unglaublich! „Für dringende Bedürfnisse soll es in den Sprinter-Zügen der niederländischen Bahn künftig Plastiktüten geben. Sie sind weiß, haben eine verstärkte Öffnung und sind mit einem Material gefüllt, das den Urin zu einer Gel-artigen Substanz bindet.“ Wir Deutschen sehen es plastisch vor uns. Es wird noch Jahre die Stammtische beschäftigen, und auf meta.tagesschau.de finden sich auch schon viele Kommentare. Wie dumm und primitiv kann doch ein Land sein, das Leute in Tüten pinkeln lässt und noch nicht einmal daran denkt, dass sie das dann doch irgendwo tun müssen! Jedenfalls haben wir ein Gesprächsthema, wenn wir demnächst mal einen Niederländer treffen oder ins Nachbarland fahren.

Gehen wir der Sache auf den Grund!

Erstens gibt es in etlichen S-Bahnen keine Toiletten. In der Berliner S-Bahn seit Menschengedenken nicht. Immer mal wieder gibt es eine Diskussion, ob das gut oder schlecht ist. Jetzt gibt es im Nachbarland auch so eine Diskussion, nur dass die Züge da anders heißen. Die Argumente sind immer dieselben. Das wäre keine Tagesschau-Nachricht wert.

Zweitens gibt es selten, aber immer mal wieder Notfälle. Darum haben Flugzeuge Zwangsjacken an Bord, Überseedampfer Särge und Militärkonvois Leichensäcke. Darüber spricht man lieber nicht, aber die Vernunft gebietet es. Ja, und wie es eben heutzutage geht: da fragt ein Parlamentarier: „Aber was ist, wenn so ein Zug mal stundenlang auf freier Strecke stehenbleibt?“ Der Bahnsprecher hätte einfach sagen können: „Na, dann helfen wir den Leuten, die umbedingt müssen, eben raus. Kommt eh nie vor. Übrigens, wenn Sie im Stau auf der Autobahn stehen, kann das auch Stunden dauern und unangenehm werden.“ Aber da hat sich ein übereifriger Produzent gemeldet und der Bahn in dem kleinen Land, in dem alles irgendwie geregelt und durchorganisiert ist, diese Pinkeltüten angedreht, und der Bahnsprecher posaunt es heraus. Natürlich wird die kein Mensch brauchen. Das hat die Bahn auch dazugesagt: „In äußersten Notfällen, bei Störungen, wird der Zugführer dann sein Dienstabteil zur Verfügung stellen.“ Aber das verschweigt die Tagesschau. Weil die Niederländer ja doof bleiben sollen und wir was zum Lachen brauchen. („KLM transportiert Passagiere in Zwangsjacken“ wäre auch mal eine gute Nachricht im Sommerloch.)

Drittens hat die Tageschau so ein System, das zu einer Nachricht „ähnliche Themen“ heraussucht und auflistet. Was wären denn ähnliche Themen? Dass auch die Belgier doof sind? Oder irgendetwas mit Kotzbeuteln auf Fähren? Oder Not-Pissoirs bei Massenveranstaltungen? Nein – laut Tagesschau ähneln die folgenden Themen dem Niederländische Bahn plant „Pinkel-Beutel“:

So tief ist Harry Mulisch nun schon gesunken…

meta.tagesschau.de vom 7. Oktober 2011

meta.tagesschau.de vom 7. Oktober 2011

  2 Responses to “Hahaha, wie dumm die Niederländer sind! (Jedenfalls laut Tagesschau und deren Zuschauer)”

  1. Man sollte sich vielleicht eher fragen, warum denn soviele holländischen Züge stundenlang steckenbleiben, dass so etwas nötig ist. Vielleicht lassen andere Bahnen liegengebliebene Züge schneller abschleppen?

    Außerdem hat NS eine Zielvorstellung des Bahnverkehrs: alle Züge außer Intercitys sollen „Sprinter“ werden, eine Art Metro-Zug, in dem man nur ein paar Minuten sitzt oder oft auch steht. Der Reisende kann im Notfall seine Reise unterbrechen und nach dem Toilettenbesuch ohne lange Wartezeit weiterreisen. Das trifft vielleicht auf S-Bahnen in Großstädten zu – in einigen Amsterdamer Bahnhöfen, z. B. Amstel, geht das so weit, dass den Reisenden unklar bleibt, dass sie für die Metro andere Fahrkarten brauchen als für den Zug –, aber nicht auf Überlandstrecken.

    Schließlich ist die Tagesschau-Notiz nicht ganz korrekt: zur Zeit verkehren schon etwa 80 Sprinter ohne Toiletten. Das niederländische Parlament, und vor kurzem auch das Geldersche regionale Parlament, haben Druck gemacht, um zu erreichen, dass von nun an alle neu bestellten Züge mit Toiletten ausgerüstet werden. Der Reisende darf also in einem richtigen Zug eine richtige Toilette erwarten.

  2. Wenn es Probleme bei der Bahn gibt, die dazu führen, dass der Zug auf der Strecke liegen bleibt hat das nichts mit der Tatsache zu tun, dass es keine WCs in solchen Zügen gibt. Damit ist nicht gemeint, dass Sie vielleicht sinnvoll wären, das sind sie in jeder Hinsicht. Damit ist einfach die Einstellung der Bahn gegenüber des Menschen, seinen Rechten und seinen Grundbedürfnissen gemeint.

    Wenn man versucht den Gedankengang des Unternehmens nachzuvollziehen wird dies vielleicht deutlicher:
    – Menschen müssen in unseren Bahnen auf Toilette
    — woran liegt das?
    – Unsere Bahnen bleiben stecken.
    — wie können wir das Problem lösen?
    – mit einer kostengünstigen Alternative zur Toilette.

    Dass es ein Grundbedürfnis des Menschen ist zur Toilette zu gehen, wird schlichtweg ignoriert. Das ist auch kein Wunder:
    Die Bahn arbeitet weder in den Niederlanden noch in Deutschland für den Menschen sondern viel eher im Sinne des Kapitals.
    Am Ende des Jahres wird nicht gefragt, wie zufrieden die transportierten Menschen sind. Das Saldo muss stimmen.

    Der Kampf gegen andere Verkehrsmittel wurde längst aufgegeben. Man hat sich damit abgefunden nur Diejenigen zu bedienen, die darauf angewiesen sind. Die Folge ist, dass man keine Kunden gewinnt und die vorhandenen Kunden möglichst kostengünstig bedient.

    Außerdem, würden Sie ihre Hose in der Bahn vor all den anderen Fahrgästen ausziehen um in einen Beutel zu machen?

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