Nov 262012
 

In seinem Film Idiocracy zeigte Mike Judge 2006, wie die amerikanische Gesellschaft fünfhundert Jahre später aussehen wird. Wie im Vorspann mit Stammbäumen demonstriert, haben sich bildungsferne, sozial schwache Menschen viel schneller vermehrt als intelligente, hochgebildete. Der Zeitreisende, der wegen eines Fehlers dorthin gerät, findet sich in einer Art verfallenem Vergnügungspark, in dem rundweg idiotische Menschen so gut es geht die Gesellschaft weitergehen lassen. Alles bricht zusammen, aber es geht irgendwie weiter. Bei der Aufnahme ins Krankenhaus hat die Schwester an der Pforte nur drei Tasten mit leicht verständlichen Abbildungen, um zu entscheiden, in welche Abteilung man eingewiesen wird. Schreiben und lesen kann hier keiner, und das Denken übersteigt nicht das Niveau der Fernsehreklame, die die Leute ununterbrochen beglotzen. Das Weiße Haus und seine Mitarbeiter ähneln noch am ehesten einer Pop-Mega-Show, nur die Musik ist schlechter. Der Zeitreisende aber, der 2006 noch als, gelinde gesagt, recht simpel im Kopf erschien, gilt hier als Genie, weil er in einem Intelligenztest diese Aufgabe lösen konnte: „Wenn Sie einen Eimer mit 2 Gallonen Inhalt haben und einen anderen mit 5 Gallonen Inhalt, wie viele Eimer haben Sie dann?” Deshalb muss er Amerika vor dem Zusammenbruch retten.

In Deutschland steht uns eine solche Zukunft ja nicht bevor, weil jeder, der das voraussagt, in den Medien fertiggemacht wird. Sie braucht uns auch nicht bevorzustehen, denn sie ist schon längst eingetreten. Der neue deutsche Bildungstest des ZDF gestern hätte so im Film Idiocracy vorkommen können.

Am Anfang warf Jörg Pilawa eigenhändig einige lebensgroße Pappkameraden um, weil sie im heutigen Deutschland nicht mehr relevant für Bildung seien: Goethe, Beethoven, Aristoteles stellvertretend für die gesamte griechische Philosophie. Dazu brabbelte er etwas über das deutsche Volk, das sich entschieden hätte, und dass Bildung doch irgendwie wichtig sei. Völlig in Unklaren blieb, ob Pilawa oder das ZDF oder das deutsche Volk oder die Wissenschaft findet, dass klassische Bildung nicht mehr nötig ist, und ob es jemanden gibt, der das schlecht findet. Der Fernsehzuschauer, der verstehen wollte, was nun eigentlich gesagt werden sollte oder gar in Deutschland los sei, fühlte sich wie ein Tourist, der auf dem Markusplatz eine der Millionen Tauben greifen will: wenn man die Zieltaube fast zu fassen hat, bewegt sie sich schneller; man richtet sich gezwungenermaßen auf eine andere Zieltaube; man bewegt sich selbst auch, und vor lauter Gewusel ist man ganz durcheinander. So bewegte sich auch der Begriff Bildung, die Sendung, Pilawa und der arme Zuschauer. Die Menschen im Saal hatten ihren Spaß, wie das Volk in Idiocracy.

Also, Bildung hat irgendetwas zu tun mit Goethe und so, oder nicht, oder nicht mehr, oder leider nicht, oder glücklicherweise nicht, und die Deutschen haben dazu eine Meinung, die etwas damit zu tun hat, ob Bildung nützlich sein soll. Und dieses Quiz hat irgendetwas mit dieser Meinung zu tun oder nicht und bestätigt sie oder wirkt ihr entgegen oder so. Wuselwusel. – Das war die Einleitung mit den Pappkameraden.

Vier Prominente mussten den Bildungstest machen. Ulrich Wickert wirkte senil oder angetüdelt; man hätte ihn vor sich selbst schützen und nicht auftreten lassen sollen. Neben ihm saß Natalia Wörner und glotzte die ganze Zeit so doof als wären ihre Haare nicht von Natur aus schwarz. Tim Mälzer sah aus wie ein Bürgerschreck und redete auch so. Dann war da noch ein gewisser Wigald Boning, laut seiner tragischen Homepage Vater zweier Kinder.

Die fünfzig Fragen waren ziemlich leicht, aber nicht schwachsinnig. Vor fünfzig Jahren hätte man den abgefragten Stoff bescheiden „Allgemeinwissen“ genannt und das hehre Wort „Bildung“ für Höheres reserviert. Aber immerhin: dass jeder die Antworten kennt, wäre gesellschaftlich wünschenswert. Vielleicht war die Fragerunde ja bewusst so ausgewählt, dass die Sendung selbst mit so leichten Fragen noch spannend werden konnte.

Man hätte sich durchaus eine spannende Sendung vorstellen können. Man hätte gerne einigermaßen intelligente Teilnehmer laut denken hören. Zum Beispiel bei der Frage, was der optimale Abstand beim betrachten eines Full-HD-Fernsehbildes ist: immer drei Meter; das 2,5-fache der Bilddiagonale; die Breite des Bildschirms. Da hätte man dann gerne gehört: „Also, Abstand gleich Breite des Bildschirms ist viel zu klein; dann müsste ja meine Mutter drei Handbreit vor der Mattscheibe sitzen. Und natürlich hängt der optimale Abstand von der Bildgröße ab; also scheidet immer drei Meter aus.” So hätten Zuschauer gelernt, dass man für die Antwort nicht einmal wissen muss, was Full-HD ist. Leider war das aber nicht Sinn der Sendung. Man bekam Applaus für die richtige Antwort. Deshalb schrieb der Österreichische Standard, der diese Bildungssendung des großen Nachbarn argwöhnisch bis zu Ende geschaut hatte, „Warum man aber unbedingt wissen muss, wie groß der optimale Sitzabstand zu einem Full-HD-Gerät ist […], blieb schleierhaft.”

Wenn überhaupt mal was erklärt wurde, dann falsch: Früher durfte man laut Pilawa Kartoffeln nicht mit dem Messer schneiden, weil früher das Besteck aus Silber war und bei Kontakt mit Kartoffeln anlief. Darum durfte man die nur mit der Gabel zerdrücken. Und keiner im Saal rief: „Läuft die denn dann nicht an?” Auch der geladene Bildungsexperte des Bertelmann-Verlags reagierte nicht.

Und wie, fragte Pilawa, lautet der Satz des Pythagoras? Alle im Chor: „Aquadrat plus bequadrat gleich zehquadrat.” Unser Mathematiklehrer hätte uns in der Quinta für diese Antwort den Kopf gewaschen. „Ja? Und was bedeutet das? Was ist denn a?” Und dann hätte er mit Zornesadern an den Schläfen gesagt: „Bei einem rechtwinkligen Dreieck – na, wo steht das denn in deiner schwachsinnigen Formel, dass es um ein rechtwinkliges Dreieck geht? – ist die Summe der Quadrate der beiden Katheten – weißt du überhaupt, was das ist? – gleich dem Quadrat der Hypotenuse. So, und jetzt erklärt mal, wozu so ein Satz nützlich ist!” Aber im großen Bildungstest des ZDF genügte diese Antwort.

Das schönste war dann der Schluss der Sendung. Da erklärte Pilawa, dass, wer 50% der Antworten richtig habe, genau durchschnittlich gebildet sei. Keiner im Saal schrie auf oder kratzte sich auch nur am Kopf. Womit offiziell feststand, dass diese schwarzblonde Frau mit daueroffenem Mund mit ihren 51% überdurchschnittlich gebildet ist.

Keiner der Beteiligten hatte eine Idee, was sie da zusammen eigentlich machten und wozu. Es war einfach eine Fernsehshow, wie im Film Idiocracy. Bezahlt  von Rundfunkgebühren.

  One Response to “Idiokratie – Deutschland schafft sich wirklich ab”

  1. Wer guckt sich so einen Mist schon freiwillig an? Leider zu viele Leute!
    Mein Vorschlag: Solche Talkshows mit Bildungstatsch sollten nur auf ausgewiesenen Sendern ausgestrahlt werden. Wer diese Sender abonnieren will, muss eine Zusatzsteuer entrichten. Diese Gelder fließen dann zweckgebunden in unser Bildungssystem (Universitäten, Schulen).

    Dr. Uwe Rink

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