Jun 052013
 

SchachautomatEs gab immer schon Menschen, die Maschinen zuviel zutrauten. Wolfgang von Kempelen erntete im 18. Jahrhundert mit seinem Schach„automaten“ mehr Bewunderung als Zweifel. In dem Automaten war aber ein Mensch versteckt, wie E. A. Poe überzeugend nachwies.

Um 1970 erregte Joseph Weizenbaums Eliza Aufsehen, und zwar zum Entsetzen ihres Schöpfers auf genau die falsche Weise. Eliza ist eine völlig durchschaubare Maschine: ein sehr schlichtes Lisp-Programm. Die Programmiersprache Lisp lässt sich mit einem sehr einfachen Compiler auf kleinsten Computern implementieren, auch ohne komplexes Betriebssystem. Damit lässt sich Eliza inklusive der dafür nötigen Hard- und Software bis ins letzte durchschauen und verstehen, und man sieht, dass sich darin nichts Intelligentes versteckt. Eliza verfügt über ein äußerst primitives konzeptuelles Modell: Das Programm findet bestimmte Schlüsselwörter in Zeichenketten und generiert neue Zeichenketten durch Umstellung auf Grund einer beschränkten Anzahl recht schlichter Regeln. Wenn die eingelesenen Zeichenketten uns wie englische Sätze vorkommen, sehen die generierten auch wie solche aus

David Lodge gibt in seinem Roman Schnitzeljagd (Small World, 1984) ein naturgetreues Beispiel dafür:

HALLO, HOW ARE YOU FEELING TODAY?
Terrible.
WHAT EXACTLY DO YOU MEAN BY TERRIBLE?
Angry. Incredulous. Jealous.
WHAT HAS CAUSED YOU TO HAVE THESE FEELINGS?
Something I read in the newspaper about Philip Swallow.
TELL ME MORE ABOUT PHILIP SWALLOW.

Daraufhin tippt sich der Protagonist seinen Frust vom Herzen.

Eliza funktioniert nur, weil Deklination und Konjugation im Englischen so gut wie keinen Einfluss auf die Wortform haben:

I hate my mother.
HOW OLD IS YOUR MOTHER?
I hate my father.
HOW OLD IS YOUR FATHER?

Die ins Programm eingebaute Regel ist einfach:

I (1) my (2).
HOW OLD IS YOUR (2)?

Eine scheinbar des Deutschen mächtige Elise wäre viel schwerer zu bauen.

Dieses Geschöpf ist Weizenbaums gehässige Parodie gewisser psychotherapeutischer Gesprächsmethoden. Nichtsdestoweniger waren Weizenbaums Studenten und seine Sekretärin genau wie die Romanfigur bereit, diesem Mechanismus ihre intimsten persönlichen Geheimnisse anzuvertrauen. Führende Psychotherapeuten bejubelten sogar die Aussicht, einen Großteil der Arbeit von Psychotherapeuten durch Maschinen erledigen zu lassen.

Es gibt also Menschen, die bereit sind, selbst den einfältigsten Maschinen eine Persönlichkeit, Intelligenz und vielleicht sogar Verantwortlichkeit zuzubilligen, sobald ihre Kommunikation davon auch nur die geringsten Anzeichen zu zeigen scheint. Weizenbaum macht jedenfalls schon 1976 plausibel, warum wir so leicht auf solch mechanisches Geschwätz hereinfallen.

 Dieser Text ist ein geringfügig veränderter Abschnitt aus dem demnächst erscheinenden Buch Wer isst den nächsten Apfel? von Hanno Wupper.

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