Jun 052013
 

Ist seit Weizenbaums Eliza viel geschehen? Sind die RoboterInnen inzwischen besser geworden? Sind die Menschen kritischer geworden? Rationalitas gibt die Fakten und überlässt die Antwort dem Leser.

Als Edmund Stoiber 2006 einmal verhindert war, aber das Volk eine Stellungnahme zum Transrapid erwartete, stellte ein Computer mit künstlicher Intelligenz eine Rede zusammen. Der erste Eindruck ist überzeugend: scheinbar spricht hier wirklich ein Ministerpräsident aus Fleisch und Blut. Aber wer genau hinhört, merkt sofort, dass hier ein Zufallsgenerator gleichsam Tonbandschnipsel zusammengeklebt hat. Das Ergebnis scheitert an so einfachen semantischen Unterschieden wie denen zwischen Flughafen, Eisenbahn, Geld und Bahnhof. Das einzige, was hier echt wirkt, ist Klang und Melodie der Stimme.

Aber unlängst erschien ein Interview mit der bayrischen Justizministerin Beate Merk, einem Roboter, der sogar den Doktortitel führt. Nun ist ein Doktorgrad nicht unbedingt ein Beweis für echte oder künstliche Intelligenz, selbst in Bayern mit seinem gepriesenen Bildungssystem nicht, also müssen wir schon genauer hinschauen.

Auch hier ist der erste Eindruck durchaus überzeugend: als ob ein Mensch aus Fleisch und Blut zu einer komplexen, wichtigen Frage interviewt wird.

Aber achten Sie einmal auf gewisse Einzelheiten.

Das Skript, das das Gespräch steuert, ist noch genau so schlicht wie das Eliza-Script von 1976. Immer dieselben wenigen Worte werden nach immer demselben Muster zusammengesetzt.

Der Fortschritt besteht hauptsächlich darin, dass das Script genau wie moderne Navigationsprogramme verständliche Sprache erzeugen kann. Das war 1976 noch nicht möglich, einfach weil damals die Prozessoren dafür zu langsam waren. Aber die Sprachmelodie ist bei jedem Satz immer genau die gleiche: ohne jeden Bezug auf die Semantik folgt der Ton einer ganz schlichten, am Ende abfallenden Kurve. Auch wird inhaltlich dauernd dasselbe wiederholt. Der Unterschied zum TomTom besteht nur darin, das das einen mit seinem monotonen Gequatsche doch noch irgendwo hinbringt.

Anders als der Stoiber-Roboter, der nur gehört werden kann, hat dieses Geschöpf einen humanoiden Körper. Aber schauen Sie einmal genau hin: die Mimik der Silikonmaske wird von nur vier winzigen Motörchen gesteuert, alles andere ist Einbildung. Früher hätte man das „ausdruckslos“ genannt. Aber heute fällt das niemandem mehr auf, weil fast alle Frauen Botoxgesichter haben oder -zig mal geliftet sind wie Michael Jackson, sodass man das wirkliche Minenspiel auch bei ihnen gar nicht mehr erkennen kann. Hier hat sich der Mensch bzw. die Menschin schon den Maschinen angepasst.

Kaum jemand wird dieses langweilige Interview bis zu Ende angeschaut haben. Aber wenn Sie sich dazu überwinden, machen Sie am Ende eine entlarvende Entdeckung. Selbst in München mit all seinen Technologiezentren kann man noch keine Batterien machen, die zuverlässig so ein Gespräch von ein paar Minuten durchhalten. Die Ministerin hängt zur Sicherheit am Ladegerät!

 

 

  2 Responses to “Künstliche Intelligenz 2012: RoboterInnen halten Einzug ins bayrische Kabinett”

  1. Als Rhetoriktrainer freue ich mich sehr über diese Beobachtung. Vor allem, wie Sie das Essentielle so unterhaltsam auf den Punkt gebracht haben. Eine ergänzende Beobachtung, die ich in einem Führungsrhetorikseminar für junge Manager in Wien zur Sprache gebracht habe: Fahren Sie mal in der Früh zwischen 8 und 9 mit der U-Bahn Linie 1 in Wien zwischen Stephansplatz und UNO City. Entlang dieser Strecke sind die großen Konzerne mit ihren großen Konzerngebäuden aneinandergereiht. Die U-Bahn ist voll mit Männern (auch mit Frauen, aber um die geht’s jetzt nicht). Jung bis mittelalt. Fast alle fesch und gutaussehend. Alle gleich angezogen: grauer Anzug, weißes Hemd, dunkle Krawatte, schwarze Schuhe, kurze und akkurat frisierte Haare. Verkabelt vom Smartphone aus in beide Ohren. Ernste und traurige und einsame Gesichter. So wie Sie die gleichgeschaltete Rhetorik der RoboterInnen beobachtet haben, beobachte ich in der U1 die uniformierten Manager. – Und im Seminargespräch ist mir diese Bezeichnung für diese Managergeneration spontan über die Lippen gekommen: „Mutanten“. Ja, die wirken wie Mutanten. „Sind Sie auch schon ein Mutant? Oder auf bestem Wege zum Mutanten?,“ war die entscheidende Frage. Und sie gilt für beides: ‚Reden und Zuhören‘ und ‚Anziehen und Frisieren‘. RoboterInnen und Mutanten versus Persönlichkeiten und Individuen. Was für eine wichtige Unterscheidung!

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