Jun 032013
 

Während um uns herum die Welt zusammenbricht und Menschen um ihre Ersparnisse und ihre Altersversorgung gebracht werden, beschäftigt sich Deutschland mit Münzen von 1 und 2 Cent. Brüssel will sie abschaffen, und alle Medien, die Regierung und Verbraucherverbände beraten sich über die dadurch entstehenden Ängste. Sogar der Präsident der Bundesbank hat eine Meinung zu diesem Pfennigkram. Jeder vermutet Preiserhöhungen und Schlimmeres, man verlangt genauere Untersuchungen und ist jedenfalls dagegen. Gleichzeitig fummeln Millionen Menschen an der Kasse in ihrer Geldbörse nach Münzen, die man ohne Brille gar nicht unterscheiden kann, Kassiererinnen schlagen immer neue Geldröllchen auf, die vorher in der Bank gewickelt wurden, es wird gezählt, sortiert, transportiert und vor allem darauf gewartet, dass das Bezahlen und Wechseln endlich gelungen ist. Der Volkswirtschaft und der Freizeit entstehen dadurch noch mehr Schaden als durch die teure Herstellung der wertlosen Münzchen.

Dabei beruht die ganze Aufregung auf einem Denkfehler. Das wird aber sorgfältig geheim gehalten, damit sich alle weiterhin mit diesem Non-Problem beschäftigen. Sonst würden Sie und andere womöglich in der so gewonnenen Zeit noch auf dumme Gedanken kommen und die eingesparten Zeitungsseiten mit wirklich aufrührerischen Ideen füllen.

Rationalitas verrät Ihnen das Geheimnis. Sie könnten aber auch selbst darauf kommen, wenn Sie einfach einmal im Nachbarland einkaufen gingen.

In den Niederlanden gab es schon zu Zeiten des Guldens jahrzehntelang keine Münzen von 1 und 2 Cent mehr, und mit Einführung des Euros sind sie im inländischen Bezahlungsverkehr auch nicht zurückgekommen. Das ändert überhaupt nichts an den Preisen und führt sicher zu keine Preiserhöhung; es spart nur Zeit und Gefummel. Die Preise sind wie immer: 1,99 oder so. Bei Überweisungen und Bezahlungen mit Geldkarte werden sie auch auf den Cent genau abgerechnet. Nur bei Bezahlen mit Bargeld wird gerundet. Im allerschlimmsten Falle bezahlt man pro Einkauf 2 Cent zu viel, zum Beispiel 13,60 statt 13,58. Im günstigsten Fall verdient man pro Einkauf 2 Cent, weil man statt 13,57 nur 13,55 bezahlen muss. Eine enorme Erleichterung im täglichen Leben, wobei sich das ohnehin geringe Risiko schnell ausgleicht. Verkäufer können das nicht zu ihrem Vorteil manipulieren, außer, wenn der Kunde nur einen einzigen Artikel zugleich kauft. Käufer können es sehr wohl manipulieren, indem sie ihren Einkaufskorb oder Tank so füllen, dass der Gesamtbetrag auf 2 oder 7 endet. Beim Tanken braucht man dazu nicht einmal zu rechnen, es kommt nur auf Geschicklichkeit an. Und so verdient man jedes Mal 2 Cent. Wenn man alle fünf Minuten tankt oder etwas einkauft, kommt man so auf einen Stundenlohn von maximal 24 Cent. Leider lässt sich der nicht auf 25 Cent runden, weil man ihn nicht bar erhält.

Worin liegt denn nun der Denkfehler, der zur Angst vor Preissteigerungen führt? Ganz einfach: in der Identifikation von Preisen mit Münzen. Die Preise können aber so bleiben, wie sie sind, auch wenn man zwei Münzen abschafft. Das erfordert nur eine gerechte Regelung der Abrundung bei Barzahlungen.

Übrigens ist das auch in Deutschland nichts Neues. Benzinpreise sind seit eh und je genauer als man sie mit Bargeld bezahlen könnte. Da wird immer schon gerundet, und niemand beklagt sich.

 

Abschließend sei noch bemerkt, dass Europa damals bei der Einführung des ECU kurzsichtig war. In den fünfziger Jahren kostete ein Brötchen 5 Pfennig, ein Mohnbrötchen 6 Pfennig und eine Kugel Eis 10 Pfennig. Damals hatten Pfennige noch Sinn. Als dann, Jahrzehnte später, die Verrechnungseinheit ECU als Vorläufer des Euro festgesetzt wurde, machte man den Fehler, ihn auf den Wert eines Dollars zu normieren. Man hätte den ECU auch auf zehn Dollar normieren können. Dann würden Brötchen wieder ungefähr 5 Cent kosten, und die Münzen hatten vernünftigen Wert.

 

 

 

  2 Responses to “Kupfermünzen”

  1. Hier in Österreich wird bereits seit eh und jeh, bei einigen Supermärkte und Drogerieen auf 5 Cent abgeründet. Mir tat das nie Weh. Ich finde es sogar vernünftig. Diese mikro Münze braucht man nicht und stören eigentlich nur weil sie sich in die Ecken der Geldbörse verkriechen…

  2. 0. Im Gegensatz zu früher ist das Runden von Barzahlungen in den Niederlanden keine gesetzliche Vorschrift, sondern eine allgemeine Geschäftsbedingung, die den Kunden auf geeignete Weise angezeigt werden muss. Am Anfang sah man in allen entsprechenden Geschäften Aufkleber mit einem (leider nicht ganz eindeutigen) Text, aber diese Aufkleber sind inzwischen an vielen Orten abgewetzt, abgefallen, verlorengegangen, ohne dass sie ersetzt wurden. So gehen also holländische Geschäfte mit ihren Informationspflichten um.

    1. Der holländische Supermarktverband behauptet, dass das Runden von Barzahlungen etwa 30 M€ pro Jahr spare. Das sind also etwa 2€ pro Einwohner der Niederlande und pro Jahr. Wenn Sie jede Woche zwei Mal einkaufen – eine realistischere Zahl als alle fünf Minuten – und darauf achten, dass Sie immer 2 Cent herausschlagen, dann verdienen Sie Ihren Anteil an diesen 30 M€ zurück. Sonst nicht – die Ersparnis ist viel zu klein im Vergleich mit dem Umsatz, als dass sie die Ladenpreise verringern würde.

    2. Ich nehme mal eine einfache Wahrscheinlichkeitsverteilung an: 1/5 der Kunden kauft genau einen Artikel, 4/5 mehrere. Von diesen übrigen Kunden kauft wieder 1/5 genau zwei Artikel und 4/5 mehr als zwei – und so weiter. Dann kann man leicht ausrechnen, dass die Läden bei jedem Einkauf im Schnitt 0,24 Cent verdienen. Vielleicht ist in Wirklichkeit das Verhältnis nicht 1/5 zu 4/5, aber auch bei anderen Wahrscheinlichkeitsverteilungen gewinnt der Laden. Die Behauptung, dass das Runden für den Laden und den Kunden kostenneutral sei, stimmt nicht. (Allerdings ist der Gewinn für den Laden noch kleiner als die 30 M€ vom vorherigen Punkt.)

    3. Die Deutsche Bundesbank hat schon kurz nach der Einführung des Euro den reklamierenden Geschäften vorgeschlagen, dass sie Preise einführen können, die ein Vielfaches von 5 Cent sind, etwa so wie in der Schweiz üblich. Dann ist die ganze Runderei überflüssig. Wenn ein Laden €1,99 anschreibt, muss er sich nicht wundern, dass alle Kunden €2 bezahlen und einen Cent Rückgeld wollen. Wenn der Laden das Rückgeld nicht geben will, soll er so ehrlich sein und €2 anschreiben. Dass das funktioniert, beweist in den Niederlanden die Warenhauskette HEMA, die keineswegs als teuer gilt.

    (In der Schweiz wurden übrigens die Münzen nicht gleich offiziell abgeschafft – nur hat die Eidgenössische Münzstätte etwa 1982 beschlossen, die 1-Rp-Münzen nicht mehr für einen Rappen, sondern zu den damaligen Herstellungskosten von etwa 4 Rp. zu verkaufen. Beim Rückkauf gab es aber natürlich nur den Nominalwert. Darauf beschlossen die meisten Geschäfte, ähnlich wie HEMA nur Preise zu verwenden, die ein Vielfaches von 5 Rp. sind. Erst 2007 wurde die 1-Rp-Münze offiziell außer Kurs gesetzt, weil der Münzstätte der Vorrat an Bronze ausging und niemand mehr diese altmodische Legierung zu vernünftigen Konditionen liefern wollte.)

    —-

    Eigentlich wichtiger als die Runderei ist mir eine Akzeptanzpflicht für gesetzliches Zahlungsmittel. In den Niederlanden können Läden ziemlich willkürlich sagen, welche Münzen und Noten sie akzeptieren und welche eben nicht. Ich kann mir denken, dass ein Laden nicht gerne für eine Packung Taschentücher €499,28 an Rückgeld gibt. Aber wenn der Kunde viel einkauft, dann sehe ich nicht ein, warum er nicht mit großen Noten bezahlen darf. Das macht der Bijenkorf, eine eher teure Warenhauskette, dann wieder besser: Wenn Sie dort mit großen Noten bezahlen wollen, geht das – aber nur an einer bestimmten Kasse, bei der die Noten genauer nachgesehen werden. Inzwischen sehe ich in vielen Supermärkten Notenprüfer, die das Nachsehen selbst einer €500-Note zum Kinderspiel machen.

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