Nov 252015
 

Nach einem Herzanfall in Berlin verpassten mir die Kardiologen im Krankenhaus Neukölln eine ZOLL LifeVest, die permanent mein EKG aufzeichnen und bei erneuten Anfällen mein Leben retten soll. Im Notfall soll sie mir zur Defillibrierung Stromstöße verpassen.

So eine Weste kostet über 100 Euro pro Tag. Dafür kann sie aber auch das EKG aufzeichnen und jede Nacht zu einem Server schicken, auf dem die Kardiologen des Patienten es sich anschauen können.

Dass ich in den Niederlanden wohne und dort auch krankenversichert bin, war dem Krankenhaus in Neukölln und der Firma ZOLL bekannt. Selbverständlich würde das alles auch in den Niederlanden funktionieren.

Die Hardware

Für die hundert Euro am Tag erhält man einen Gürtel mit vier EKG-Sensoren und drei Teilen, die einen im Notfall zuerst mit Kontaktflüssigkeit einspritzen und dann defibrillieren. Dazu gehört ein Kästchen, das vibrieren kann um einen auf das Schlimmste vorzubereiten. Das ganze ist durch einen Kabelbaum miteinander verbunden. Damit man alles ununterbrochen auf der Haut tragen kann, gibt es dazu drei oder vier Nylonwesten in der richtigen Größe. Gesteuert wird alles von einem Monitor, den man immer bei sich tragen und nachts mit ins Bett nehmen muss.

Man kann sich so etwas auch in den Körper einbauen lassen. Dann heißt es ICD und sieht so aus wie auf dem nebenstehenden Bild.

Der externe Monitor der LifeVest verbraucht mehr Strom, weil er jede Nacht das EKG versenden muss. Er wird wohl auch einen größeren Kondensator enthalten, weil eine auf der Haut getragene Weste sicher stärkere Stromschläge abgeben muss als ein direkt ans Herz angeschlossenes Teil. Dennoch sollte so ein Monitor im 21. Jahrhundert nicht viel größer sein als eine Geldbörse und in die Hosentasche oder die Innentasche einer Jacke passen. Aber das Ding wiegt fast siebenhundert Gramm und ist so groß, dass es in keine Tasche passt. Es hat eine Klammer, mit der man es am Gürtel tragen könnte, davon rät die Beraterin aber ab.  Ich laufe nun seit Wochen mit einem Kasten um den Hals herum, der aussieht wie eines der ersten Telefonmodems, wenn Sie sich noch erinnern.

Der Kasten blinkt rot. Man selbst kann das nicht sehen. Menschen in der Umgebung können es nicht deuten und finden es unheimlich.

Die Weste hat im Rücken ein Teil, das vibrieren kann, um mich auf etwas aufmerksam zu machen. Es ist so groß wie eine Streichholzschachtel, hart, mit nur leicht abgerundeten Kanten. Wenn man auf dem Rücken liegt oder auf einem Stuhl mit glatter Rückenlehne sitzt, drückt es schmerzhaft auf die Dornfortsätze der Rückenwirbel. Warum das so sein muss, ist unklar.

Dazu gehört dann noch eine „Basisstation“, die man mitnehmen muss, wenn man verreist. Sie wiegt noch einmal siebenhundert Gramm und hat die Abmessungen eines Wanderschuhs. Das Netzteil ist darin nicht enthalten, so groß wie Netzteile von Druckern vor zwanzig Jahren waren und wiegt weitere dreihundertfünfzig Gramm, das erdbebensichere Schuko-Kabel dreihundert Gramm. Diese Basisstation enthält den Halter für die aufzuladende Batterie, ein wenig Elektronik, einen kleinen Bildschirm und eine SIM-Karte. Warum es im Jahre 2015 so groß und schwer sein muss, bleibt unklar. Es empfängt nachts das Tages-EGK vom Monitor und schickt es über GSM zum Server. Als Höhepunkt des Luxus wird der Bildschirm im Dunkeln etwas dunkler, also wird wohl auch noch ein Helligkeitssensor eingebaut sein.

Den Monitor trägt man also ununterbrochen um den Hals oder nimmt ihn mit ins Bett. Die Basisstation mit Netzteil muss bei jeder Reise im Gepäck sein. Damit hat man zehn Prozent des bei Flügen zulässigen Gepäcks schon gefüllt.

Die Sprachen

Der Monitor kann sprechen. Das ist lebenswichtig. Wenn ich nach einem Herzstillstand ohnmächtig daliege, erklärt der Monitor den Umstehenden, dass sie nicht erschrecken sollen, aber vor allen Dingen den Patienten nicht berühren dürfen, weil sonst auch sie Stromschläge erhalten und die Wirkung der Behandlung stören können.

Der Berliner Kardiologe mit osteuropäischem Migrationshintergrund, der mir das alles erklärte, wusste, dass ich in den Niederlanden lebe. Als ich fragte: „In welcher Sprache wird diese Meldung denn gesprochen?“, stutzte er sekundenlang und sagte dann: „Das ist eine gute Frage.“ Offenbar hatte das Berliner Krankenhaus hierüber noch nie nachgedacht.

Die Mitarbeiterin der Firma ZOLL, die mir die Weste verpasste, hatte auch noch nicht darüber nachgedacht, und die ganze deutsche ZOLL-Niederlassung offenbar auch nicht. Der Monitor spricht Deutsch, und wir sind ja hier schließlich in Deutschland.

Ich habe seither wiederholt geduldig erklärt, wie es wohl ist, wenn man in Holland herumläuft und auf einmal eine Stimme auf Deutsch erklärt, dass da gerade jemand im Sterben liegt.

Als erstes bot dann die Berliner ZOLL-Mitarbeiterin telefonisch an, mich zu besuchen und die Sprache umzustellen.

Ich erklärte geduldig, dass das nicht hilft. Ich lebe wenige Kilometer von der Grenze entfernt und bin täglich wechselnd in zwei Ländern. Und zwischendurch immer mal ganze Wochen in Berlin. Wenn etwas ist, muss der Monitor in einer Sprache sprechen, die die Umstehenden auch verstehen. Es geht schließlich im Sekunden und um Menschenleben.

Ich versuchte auch zu erklären, dass heutzutage Fotokameras, Handys und Navigationsgeräte selbst wissen, wo sie sind. Aber das war wohl zu abwegig.

Jedenfalls brachte mir dann eine ziemlich entnervte ZOLL-Mitarbeiterin  bei, wie ich die Sprache selbst umstellen kann. Das geht nur über einen Geheimeingang, den die Patienten eigentlich gar nicht kennen dürfen. Dabei stellte sich heraus, dass der Monitor genau zwei Sprachen beherrscht: Deutsch und etwas, das „English“ heißt, aber breitestes Amerikanisch ist und bei vielen Leuten Abscheu hervorruft. Mehr Auswahl hat man nicht. Das ist Europa 2015.

Nach einigen Wochen traten immer mehr technische Störungen auf. Gestern rief mich ein besorgter Mitarbeiter der niederländischen Partnerfirma von ZOLL an um mitzuteilen, dass ich heute eine neue Weste erhalten würde und dass er auch ansonsten alles tun wolle, damit ich zufrieden sei. Auch ihm erklärte ich geduldig das Sprachproblem.

Er erklärte mit aller Autorität und Fachkunde eines geschulten Autoverkäufers, dass die von ihm vertretenen Westen-Monitore, jedenfalls in den Niederlanden, jedenfalls die neuen Modelle selbverständlich alle nötigen Sprachen sprechen könnten. Er zählte ein halbes Dutzend Beispiele auf.

Heute kam dann ein hilfsbereiter Vertreter, um mir alles ganz neu zu verpassen: Gürtel, Nylonweste, Monitor, Basisstation, Tasche, Gebrauchsanweisung auf Niederländisch. Auch ihm erklärte ich das Sprachproblem und dass sein Chef versichert hatte, es sei nun gelöst.

Schnell zeigte sich, dass auch dieses neue Modell nur genau zwei Sprachen beherrscht: Niederländisch und Amerikanisch.

Da beschloss der freundliche Mitarbeiter, dass die technischen Störungen meiner Weste sicher nicht vom Monitor verursacht sein könnten und gab mir den alten Monitor auch wieder mit. Jetzt brauche ich mir nur, wenn ich über die Grenze fahre, den jeweils passenden Kasten umzuhängen. Jedenfalls funktioniert das in Deutschland, Österreich, Teilen der Schweiz, im ganzen Liechtenstein, in den Niederlanden, im nördlichen Belgien sowie in Eupen/Malmedy.

Die internationale Medizin

Für die hundert Euro pro Tag können sich meine Kardiologen auf dem Server mein EKG anschauen. Das ist auch nötig, denn bei einem Alarm muss schnell entschieden werden, ob wirklich mein Herz das Problem ist oder es nur um eine harmlose Störung ging. ZOLL hatte mir in Berlin versichert, dass das europaweit funktioniert. Meine niederländischen Kardiologen hatten alle Daten und den Arztbrief aus Berlin.

Als meine Weste zum ersten Mal Alarm gab, ließ ich mich wie vorgeschrieben sofort ins Krankenhaus bringen und erhielt eine Notaufnahme bei der Herzüberwachung. Dann dauerte es 40 Stunden, bis die Ärzte sich das EKG aus dem Monitor anschauen konnten. Dazu müssen nämlich etliche Stellen zusammenarbeiten: die niederländischen Kardiologen, deren Techniker, die niederländische Partnerfirma von ZOLL und die deutsche Niederlassung von ZOLL.

Bis die niederländischen Spezialisten dann wirklich Zugang zu meinen Daten auf dem Server erhielten, dauerte es einige Wochen. Bis dahin schoben sich alle Parteien gegenseitig die Schuld zu oder interessierten sich gar nicht für einen Patienten, der mit etwas Ausländischem herumläuft. In diesen Wochen lief alles über mich: Alarm, Todesangst und Unsicherheit, Fahrt nach Hause, Übersenden der Daten mit Hilfe der Basisstation (was automatisch nur nachts geschieht), E-mail nach ZOLL Deutschland mit der Bitte, mein EKG per E-mail zu versenden, E-Mail von ZOLL Deutschland an die Kardiologen und mich, Beurteilung. Manchmal findet solch ein ganzer Zyklus an einem Nachmittag statt, manchmal dauert er mehrere Tage.

Seit gestern haben meine Kardiologen dann endlich Zugang zum Server. Nun sieht der Zyklus so aus: Alarm, Todesangst und Unsicherheit, Fahrt nach Hause, Übersenden der Daten mit Hilfe der Basisstation (was automatisch nur nachts geschieht), Anruf in der Kardiologie, dass wieder einmal etwas war, Beurteilung.

Man könnte sich vorstellen, dass dieser Monitor im Falle eines Alarms selbst direkt die Daten verschickt und die Ärzte benachrichtigt; aber das Verschicken bedarf der Basisstation, und zum Beurteilen müssen die Ärzte von mir darauf hingewiesen werden, dass etwas war.

Wie das alles gehen sollte, wenn ich 90 Jahre alt und leicht verwirrt wäre, bleibt unklar.

Seit heute habe ich wegen des Sprachproblems zwei Monitoren. Der Rhythmusspezialist des Krankenhauses hat es geschafft, Online-Zugang zu den Daten beider zu erhalten – etwas, das man nach allen internationalen Irrungen und Verwirrungen kaum für möglich gehalten hätte. Zum Glück habe ich nun zwei Basisstationen zu Hause, sodass die Daten aus beiden Monitoren nachts automatisch verschickt werden können. Wenn es aber eilt, muss ich daran denken, dass ich den richtigen Monitor mit dem Übersenden beauftrage. Es könnte auch sein, dass die zwei Basisstationen sich gegenseitig stören. Das weiß ich noch nicht.

Eines ist deutlich: Alle wollen mir nur helfen.

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