Jul 072014
 

Seit heute gibt es hier oben drüber einen neuen Eingang: Pathologie, der sich weiter verästelt.

Das gerade fertiggestellte Buch Packen wir’s an – aber richtig! endet mit diesem Plädoyer für Pathologie:

Nicht für Pathologisches wird hier plädiert, sondern für das Fach, das Pathologisches untersucht. In der Renaissance blühte es auf und hat seither erheblich zum wissenschaftlichen Fortschritt beigetragen. Wikipedia beschreibt es so:

Als Pathologie wird in der Medizin die Erforschung und Lehre von den Ursachen (Ätiologie), der Entstehungsweise (Pathogenese), der Verlaufform und der Auswirkungen von krankhaften bzw. abnormen Einzelphänomenen (Symptomen) oder Symptomverbänden (Syndromen) sowie von Missbildungen aller Art verstanden, einschließlich dabei feststellbarer Körpervorgänge (Pathophysiologie). Eine kürzere Definition erklärt die Pathologie als „Lehre von den abnormen und krankhaften Vorgängen und Zuständen im Körper („pathologische Anatomie“) und deren Ursachen“.

Nicht nur in der Medizin kann man durch Erforschung krankhafter oder abnormer Phänomene lernen. Goethe forderte seinen Gärtner auf, ihm nicht die perfekten Blumen aus dem Garten zu bringen, sondern gerade die, mit denen etwas nicht stimmte. Tulpen mit einem grünen Blütenblatt oder einem roten Blatt unten am Stengel und dergleichen. Gartenpathologie. Man sieht solche Tulpen heute nicht mehr. Sie werden ausgemerzt, bevor sie den Großhandel erreichen. Aber Goethe hatte sie genau angeschaut – Erforschung – und, überrascht durch Ordnung in der Unordnung, ein konzeptuelles Modell der „Urpflanze“ – Lehre – entwickelt. Alle Blütenpflanzen sind offenbar Varianten ein und desselben Ur-Bauplanes, aus dessen Einfachheit und Kraft die ganze Vielfalt entsteht. Goethes Einsichten werden durch die moderne Biologie immer wieder bestätigt. Der Abglanz des Wahren, was Pflanzen betrifft.

Im Buch […] wimmelt es von krankhaften, abnormen Einzelphänomenen und Missbildungen zum Thema Qualität von Artefakten, und diese Phänomene und Missbildungen werden klassifiziert mit dem hier dargelegten Begriffssystem: Lösungsproblem, Kitsch, Verwechslung von Bauplänen mit Spezifikationen, unzureichendes Fachwissen und so weiter und so weiter, wie oben zusammengefasst.

Angenehmer ist es, sich vom Gärtner perfekte Blumen bringen zu lassen und perfekte Gebäude zu bewundern. Darum finden Sie in der Einleitung ja ein Plädoyer für schöne Architekturbücher. Aber man kann lernen, misslungenes Menschenwerk mit der gleichen Neugier zu betrachten, wie Goethe verkehrte Blumenblätter betrachtete und der medizinische Pathologe die Geschwulst im menschlichen Körper oder das Gewürm in der Wasserleiche. Um Gemecker auf Stammtischniveau zu übersteigen, sollte man aber wissenschaftliche Neugier mitbringen: den Wunsch, systematisch zu benennen, warum etwas nicht gelungen ist. So kommt dem Wesen der Qualität näher, als wenn man nur Gelungenes bewundert.

 

Hier auf de.rationalitas.eu beginnen wir mit dem Aufbau eines pathologischen Raritätenkabinetts. Sie sind eingeladen, auch Beispiele beizutragen und an der Diskussion teilzunehmen. Beginnen Sie mit einer systematischen Erkundung ganz oben mit dem Eingang Pathologie.

 

IMG_2122_2Für heute eine Kleinigkeit, die an der Bölschestraße in Berlin-Friedrichshagen auffiel. Friedrichshagen ist ein sehr schön restaurierter Stadtteil mit vielen Häusern aus der Zeit Friedrichs des Großen, dem die dankbaren Einwohner ein Denkmal gesetzt haben. Die Bölschestraße ist eine der behaglichsten Einkaufsstraßen Berlins.

Da steht man dann am Markt und wartet auf die Straßenbahn, fühlt hinter sich das Denkmal Friedrichs des Großen und sieht vor sich auf der anderen Straßenseite den preußischen Adler mit Königskrone. Und dann das!

Vermutlich ist es angelegt, um den Baum zu schützen, denn hier rangieren regelmäßig Marktkaufleute mit ihren Anhängern.

Utilitas: Vielleicht hilft es ja.

Firmitas: Diese roten Betonteile werden womöglich länger halten als der zu schützende Baum. Die Bepflanzung ist dabei, einzugehen. Hier mangelt es deutlich an Fachwissen zum Lösungsgebiet: Kübelpflanzen.

Venustas: Wir überlassen das Urteil dem Leser.

Das menschliche Maß, Gefühl: Wenn man dieses Gebilde in dem ansonsten sehr einladenden Staddteil einmal entdeckt hat, erfasst einen das Gefühl tiefer Melancholie.

Das menschliche Maß, Respekt vor der Umgebung: Diese Lösung würde prima in ein Plattenbaugebiet passen, das auch ohnehin schon deprimierend betoniert ist. Im hiesigen Ensemble historischer Häuser und Denkmäler ist es eine Beleidigung für den Schutzherrn Friedrich, der es von seiner Säule aus täglich anchauen muss.

 

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