Sep 172011
 

Schloss Moyland hat eine merkwürdige Geschichte. Von hier laufen Linien zu den Hohenzollern, nach Den Haag, zu Voltaire und Beuys. Der Bau selbst wurde immer wieder dem Zeitgeschmack angepasst: erst mittelalterliche Burg, dann einigermaßen gelungenes Renaissance-Wasserschloss, bald barockisiert und im 19. Jahrhundert von Zwirner ausgebaut zu einer neo-mittelalterlichen Burg mit Zinnen und Pechnasen. In der gleichen Zeit erbarmte sich Zwirner über eine schon dreihundert Jahre halbfertig herumstehende Invest-Ruine, die seither als Kölner Dom bekannt ist und von vielen Menschen für gothisch gehalten wird.

Berliner bekommen eine Vorstellung vom Schloss, wenn sie sich vorstellen, zwei Oberbaumbrücken würden in ihre Baukörper zerlegt, ohne die U-Bahn zu einem viereckigen Klotz zusammengesetzt und wieder ins Wasser gestellt. Schloss wie Brücke stammen in ihrer heutigen Form aus dem selben 19. Jahrhundert, wurden im 20. zerstört und um 1990 fast völlig neu aufgebaut – was aber auch nicht viel geholfen hat. Von Berlin aus gesehen liegt Moyland kurz vor Kleve, von Holland aus gesehen kurz dahinter.

Nach dem Wiederaufbau zeigte das Schloss fast die gesamte Sammlung der Gebrüder van der Grinten, beherbergte ein Beuys-Archiv und noch mehr. Die sammelnden Brüder bestanden darauf, dass ununterbrochen so viele ihrer zigtausend Bilder und Plastiken wie möglich aufgehängt sein sollten. Kein Quadratzentimeter Wand blieb ungenutzt. Ganze Wälder wurden für Tausende Bilderrahmen abgeholzt. Und so wie jeder Raum gesättigt war mit Kunstwerken, war die Luft gesättigt mit den Ausdünstungen des im Wasser gegründeten Gemäuers, muffig und tuberkulös. Das schönste war immer das Erreichen der frischen Luft.

Ein entsetzlicher Ort, aber in seiner Konsequenz schon wieder großartig. Und eine nützliche, interessante Sammlung. Man durfte das Museum nur nicht als Kunstausstellungshalle missverstehen. Es ging nicht darum, dass der Besucher sich in Ruhe auf ein an einer ansonsten leeren Wand hängendes Bild konzentrieren konnte. Es ging um eine wissenschaftlich vollständige Sammlung von allem aus einer bestimmten Periode. Die Sammlung und ihre Präsentation war am ehesten zu vergleichen mit dem historischen Teil des Ozeanographischen Museums in Monte Carlo. Da stehen dicht auf dicht in Formalingläsern sämtliche Lebensformen, die der Ozean hervorgebracht hat, mit all ihren Varianten und phylogenetischen Verästelungens. Zu viel, um es aufnehmen zu können; aber von allem, was man sucht, kann man dort ein Exemplar finden und mit ähnlichen Vergleichen. So war es auch in Moyland. Fluxus gewissermaßen in Formalin, und zusammen mit dem Schloss und seiner Geschichte ein einzigartiges Gesamtkunstwerk, zu dem nicht nur Könige und Philosophen, sondern auch die Brüder van der Grinten dickköpfig beigetragen hatten.

Das Museum bekam eine neue Direktorin, war ein Jahr lang geschlossen, wurde hier und da umgebaut und vor allem ganz neu eingerichtet. Der größte Teil der Sammlung steht nun im Depot. In regelmäßigem Wechsel soll nur einiges gezeigt werden. Heute um zehn war die Wiedereröffnung. Den Dutzenden Lotsen bei Einfahrt und Parkplatz nach zu urteilen, hatte man sich auf einen flächendeckenden Verkehrszusammenbruch vorbereitet.

Und wie ist es nun?

Immer noch zu voll und immer noch beklemmend muffig. Dunkler als früher. Nur nicht mehr schaurig-schön erschlagend. An jeder Wand hängen nur einige Bilder. Sie stören sich gegenseitig nicht, aber es sind immer noch zu viele, als dass man sich jedes in Ruhe anschauen könnte. Jeder Raum könnte mit dieser Hängung der Stolz eines zweitrangigen Provinzmuseums sein, wäre aber dort wohl besser gelüftet. Man ist schnell gelangweilt, müde und asthmatisch, aber es folgt Raum auf Raum, Treppenhaus auf Treppenhaus. Überall Menschen, die den Ausgang suchen. Eine Führerin, womöglich die Direktorin selbst, erklärt Marcel Duchamps überbewertetes Schweigen und hustet hohl. Kein Wunder bei diesem Klima. Die paar kleinen Schätze, die man bei früheren Besuchen entdeckt und immer wieder aufgesucht hatte, um sie Freunden zu zeigen, sind nun im Depot.

Ein paar Stunden später ist der Parkplatz immer noch halb leer.

 

 

Dr. Hanno Wupper ist Associate Professor an der naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Nimwegen, lehrt angewandte Logik und lebt in Nimwegen und Berlin-Neukölln, von wo aus er die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zweier Länder beobachtet.

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