Nov 232015
 

Die LifeVest bietet konstante Überwachung, sofortigen Schutz und gleichzeitig ein beruhigendes Gefühl für die Patienten.

Bisher fühlte ich selten Angst – höchstens an  unheimlichen Orten, die objektiv wirklich gefährlich sind. Hat man so einen Ort verlassen, ist die Angst weg.

Dank einer Weste, die mein Leben retten soll, fühle ich nun fast täglich Todesangst. Nicht eine unbestimmte Angst, demnächst sterben zu müssen, sondern die Angst, im nächsten Augenblick zu sterben und vorher noch ein paar elektrische Schläge zu erhalten. Und das kam so:

Vor ein paar Monaten hörte mein Herz auf zu schlagen, einfach so, ohne irgendwelche Vorzeichen, und ich musste reanimiert werden und kam ins Krankenhaus. Da stellte sich heraus, dass meine Herzkranzgefäße verstopft waren. Niemand hatte das vorher gewusst. Übrigens konnten mir die Ärzte bis heute nicht erklären, ob der Herzstillstand wirklich dadurch verursacht wurde, denn der Herzmuskel scheint nicht beschädigt zu sein. Die Adern wurden geweitet, und es wurden einige Stents eingebaut. Damit sollte das Problem behoben sein, und ich freute mich, dass ich noch lebe.

Aber die Ärzte trauten der Sache nicht ganz und verschrieben mir eine ZOLL LifeVest. Die muss ich vorläufig Tag und Nacht tragen. Sie zeichnet ununterbrochen mein EKG auf und sendet es jede Nacht an einen Server, wo es die Ärzte anschauen können. Wenn die Weste eine Herzrhythmusstörung bemerkt, gibt sie ein Signal, und ich habe Gelegenheit, mit Knopfdruck zu beweisen, dass ich noch bei Bewusstsein bin. Wenn ich das nicht tue, wirkt die Weste wie ein Defibrillator: ich werde Stromschläge erhalten, die das Herz wieder zum Schlagen bringen sollen.

Fünf, sechs Wochen habe ich de Weste getragen, ohne dass es je einen Alarm gegeben hätte. Immer mehr glaubte und hoffte ich, mein Herz sei dank der Stents wieder in Ordnung und diese Weste bald unnötig. Aber die Ärzte bestanden darauf, dass ich sie weiterhin trage. Das kostet übrigens über hundert Euro am Tag.

Das Tragen ist unbequem. Man gewöhnt sich nicht daran. Man kann nicht auf dem Rücken liegen. Man kann nicht ohne Kissen auf Stühlen mit glatter Rückenlehne sitzen. Wenn einem beim Reanimieren eine Rippe gebrochen wurde, ist so eine Weste besonders schmerzhaft. Auf die Dauer verlernt man den aufrechten Gang. Außerdem ist sie mit einem Kabel mit einem „Monitor“ verbunden, einem schweren Kasten in der Größe eines dicken Taschenbuches, der gefährlich blinkt und manchmal piept. Den muss man Tag und Nacht mit sich tragen und mit ins Bett nehmen.

Aber es gab nie Alarm.

Bis vor zwei Wochen. Ich saß auf dem Sofa und fühlte mich einfach nur wohl. Und da fing die Weste an zu vibrieren und der Monitor an zu piepsen, und der kleine Bildschirm wurde rot. Wie vorgeschrieben drückte ich die Knöpfe.

Ich meinte in dem Moment, kurz vorher eine gewisse Unruhe in meinem Herzen gefühlt zu haben. Inzwischen weiß ich nicht mehr, ob das Einbildung war, denn alles ging so schnell. Ich schaute mir auf dem kleinen Bildschirm mein EKG an, und es sah furchtbar aus. Erst Tage später lernte ich, dass EKGs immer furchtbar aussehen, wenn man sich bewegt. Kardiologen kennen das. Es ist harmlos. Ich wusste es nicht und hatte zum ersten Mal Todesangst. Und auch Angst vor den elektrischen Schlägen. Ich wusste, was zu tun war: mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus. Dort verbrachte ich zwei Tage in Unsicherheit.

Dass es so lange dauerte, lag auch daran, dass die Kardiologen nicht ohne Weiteres an die Daten aus der Weste kamen. Erst nach einigem Hin und Her gelang das.

Inzwischen haben mir die Spezialisten erklärt: ja, es war eine leichte Herzrhythmusstörung, und die ging schnell von selbst vorüber. Wenn es noch einmal passiert, soll ich nicht sofort mit dem Krankenwagen zum Krankenhaus kommen, sondern nur am nächsten Werktag anrufen. Also offenbar harmlos. Ohne Weste hätte ich nie etwas bemerkt und mir zwei Tage Krankenhaus erspart. Dank der Weste entstanden aber Zweifel, ob das Herz wohl in Ordnung ist.

Seither ist dann ein Dutzend Male dies geschehen:

Ich fühle mich wohl und gehe auf dem Bürgersteig von A nach B. Plötzlich gibt die Weste wieder Alarm, mit rotem Bildschirm. Sofort Todesangst und Angst vor Stromschlägen. Druck auf den Knopf. „Behandlung aufgeschoben.“ Weiterhin Angst vor Stromschlägen. Hineinhorchen, was mit dem Herzen ist. Nie habe ich etwas gefühlt; aber die Angst blieb. Meist dann nach einigen Minuten ein zweiter Alarm. Neulich sogar sieben hintereinander in einer halben Stunde. Todesangst, Angst vor Stromstößen, Angst vor der Zukunft mit einem beschädigten Herzen – und bisher stellte sich dann immer heraus, dass es technisch bedinge Alarme waren und das Herz dafür nicht die Ursache war. Aber ich soll die Weste weiterhin tragen. Weil es bei dem einen Mal vielleicht doch eine Rhythmusstörung war und weil das Herz vielleicht doch noch nicht in Ordnung ist.

An anderen Tage treten keine Alarme auf, auch nicht bei längeren Wanderungen. Ich denke an Skinners Tauben im Käfig und versuche Zusammenhänge zu erkennen. Jedesmal, wenn ich einigermaßen zur Ruhe gekommen bin, gibt es dann wieder Alarme.

Und jedesmal dauert es einige Stunden oder Tage, bis die Spezialisten sich das EKG angeschaut und Entwarnung gegeben haben. Auch das geht nicht ohne mich. Laut Firma ZOLL haben meine Ärzte Zugang zu meinen EKGs auf dem Server, aber es gelingt ihnen nicht, einzuloggen. Also muss ich auch noch jedesmal meine EKGs per Mail schicken lassen, was manchmal einige Tage dauert. Tage der Unsicherheit und Sorge über die Zukunft. Ich soll die Weste aber unbedingt weiter tragen, weil man mein Herz noch nicht ganz in Ordnung findet. Demnächst soll wieder ein Katheter hineingeschoben werden.

Inzwischen bin ich ganz unsicher, wenn ich durch die Stadt gehe. Jeden Moment kann es ja wieder soweit sein.

Nach einigen Wochen begannen dann auch andere Meldungen sich zu häufen. Ich muss den Sitz der Weste dann überprüfen (vielleicht weil sie inzwischen nicht mehr gut sitzt) oder die Batterie wechseln (weil ich das am Morgen vergessen hatte). Das ist an sich normal und harmlos; aber diese Meldungen werden genau wie Rhythmusstörungen durch Vibration und einen Ton eingeleitet. Man muss schon sehr genau auf den Bildschirm schauen, um festzustellen, dass diesmal kein Stromschlag droht. Also auch dann Todesangst, und danach Scham über die eigene Dummheit.

Manchmal trage ich die Weste einige Stunden einfach nicht. Dann fühle ich ab und zu Herzklopfen oder Herzrasen, oder vielleicht meine ich auch nur, es zu fühlen. Todesangst. Dann ziehe ich die Weste wieder an. Auch wenn ich sie trage, fühle ich manchmal Herzklopfen. In solchen Momenten gibt sie aber nie Alarm.

Abgesehen von diesen Momenten der Angst werde ich von Tag zu Tag unsicherer.

Freunde raten mir, das Ding einfach auszuziehen. Die Ärzte bestehen darauf, dass ich es weiter tragen muss.

Während ich diese Zeilen schreibe, habe ich wieder starkes Herzklopfen. Die Weste bleibt ruhig. Wie lange noch?

F: Ist die LifeVest komfortabel zu tragen und kann ein normaler Lebensstil beibehalten werden?
A: Die LifeVest ist leicht und einfach zu tragen. So können Patienten ihr alltägliches Leben wie gewohnt weiterführen und haben gleichzeitig die Gewissheit, vor PHT geschützt zu sein. Patienten können mit der LifeVest arbeiten und sogar leichten Sport treiben.

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