Apr 022013
 

Gegen Hochwasser kann man auf vier verschiedene Weisen etwas tun.

Erstens kann man unmittelbar Überschwemmungsgebiete evakuieren, Deiche mit Sandsäcken verstärken oder aber Deiche kontrolliert öffnen, um dem Wasser flussaufwärts mehr Raum zu bieten. Eigentlich ist es dann schon zu spät.

Aus solchen Erfahrungen lernt man, zweitens, kurzfristig Vorsichtsmaßnahmen zu treffen: Deiche und Schleusen bauen, Entwässerungsgräben ziehen, Pumpwerke errichten, Deichtore, die sich bei Sturmflut schließen lassen, in Flussmündungen bauen, in der Hoffnung, dass das Geschehene sich nicht mehr wiederholen kann.

Leider haben solche lokalen Maßnahmen, wie man bald lernt, auch negative Auswirkungen. Flussabwärts erhöhen sie zum Beispiel die Gefahr von Überschwemmungen.

Darum plant man, drittens, mittelfristig, dem Wasser flussaufwärts mehr Raum zu geben oder zusätzliche Fahrtrinnen zu bauen oder die bestehenden zu vertiefen, damit das Wasser besser abfließen kann. Essentiell ist es dabei, nicht nur lokal etwas gegen konkrete Überschwemmungen zu unternehmen, sondern das gesamte Einzugsgebiet als Ganzes zu betrachten, wobei man nicht scheuen darf, Eingriffe der zweiten Art wieder ungetan zu machen, zum Beispiel durch Rückverlegung von Deichen.

Leider steigt das Wasser aber immer weiter. Die Polkappen schmelzen, der Meeresspiegel steigt, es regnet immer mehr. Das geschieht so langsam, dass die Veränderung sich unserem Gefühl, unserer Intuition und Erfahrung entzieht. Wir können sie sehr gut negieren, und in den meisten Ländern negiert die Politik sie auch. Nur wer bereit ist, die Resultate der Wissenschaft mit eiserner Logik anzuwenden, kommt zum Ergebnis, dass wir, viertens, jetzt etwas gegen den Klimawandel unternehmen müssen, um langfristig Katastrophen zu verhindern. Das Täuschende an diesen Maßnahmen ist, dass sie allem Anschein nach gar nichts mit dem Meer, den Flüssen und dem Regen zu tun haben, sondern mit Heizung, Verkehr, Produktion von Waren, und dass nur eine weltweite Ansgtrengung hilft. Dass eine weltweite Anstrengung hilft, werden wir aber niemals kurz- oder mittelfristig erfahren. Nur, wenn Unterlassung zur Katastrophe führt, werden wir es wissen, aber dann kommt Reue zu spät. Wenn dann überhaupt noch jemand da ist, der es bereuen könnte.

Die berühmte Reichs-Wasserbehörde der Niederlande ist kompetent, was alle diese vier Arten von Maßnahmen betrifft. Es gibt Computermodelle, die die Auswirkungen recht genau vorhersagen. Das Land ist es gewohnt, auf diese Behörde zu hören.

GeldHeutzutage werden wir nicht nur von Hochwasser bedroht, sondern auch vom Geld. Geld besteht schon längst nicht mehr aus unschuldigen Münzen, die den Besitzer wechseln. Geld, „die Finanzmärkte“ genannt, ist derzeit genau wie Wasser ein globales System, das mit allem in unserer Welt zusammenhängt, seine eigene Dynamik hat und von niemandem mehr völlig verstanden wird. Finanzielle Katastrophen können ganze Länder und Völker verschlingen.

Geld strömt und wirbelt dabei allerdings viel schneller als Wasser. Die Computersysteme der Finanzmärkte spekulieren mit der Höchstgeschwindigkeit von Computern. Das bedeutet, dass man ihr Verhalten nicht mit Computermodellen voraussagen kann. Computer können nun einmal nicht schneller sein als Computer.

Gegen die Bedrohungen des heutigen Geldsystems kann man auf die gleich vier Arten etwas unternehmen wie gegen Hochwasser.

Erstens kann man unmittelbar eingreifen und den Handel an der Börse eine Weite stilllegen, eine Währung abwerten oder neues Geld drucken. Die heutigen Versuche, um Banken und den Euro zu retten, ähneln Sandsäcken und kontrollierten Deichdurchbrüchen. Notfalls geben wir Zypern einfach auf, um Schlimmeres zu verhindern.

Zweitens reden Finanzexperten nun immer häufiger von „Instrumenten“, die sie ausgedacht haben um kurzfristig zukünftige Probleme zu verhindern. Hier ein neuer Deich, dort ein Graben, ein großes Fluttor, das man öffnen und schließen kann und desgleichen. Man glaubt, damit alles unter Kontrolle zu haben, und ist zufrieden. Aber jeder lokale Eingriff sorgt woanders wieder für neue Probleme. Leider reicht der Weitblick der Finanzexperten und Ökonomen selten weiter.

Zum Glück wagen es inzwischen hier und da einige Politiker, weiter zu schauen und Eingriffe vorzuschlagen, die die Finanzmärkte mittelfristing unter Kontrolle halten sollen: Verlangsamung des Hochfrequenzhandels; Transaktionssteuern; Verbot bestimmter Derivate; Bußen aufs Stornieren von Transaktionen, weil Transaktionen oft nur angekündigt werden, um den Markt zu beeinflussen, nicht, weil man sie wirklich ausführen will; Verbot von „naked short selling“. Aber diese Vorschläge werden sofort vom Tisch gefegt von Finanzexperten, die behaupten, es besser zu wissen, genau wie sich bei jedem Eingriff in den Wasserhaushalt immer ein Bauer finden lässt, der dagegen ist. Bauern wollen nun einmal machen, was schon ihr Vater und Großvater gemacht haben, und lassen sich auf ihren Höfen nicht gern etwas vorschreiben.

Zentralbanken müssten die die Rolle übergeordneter Wasserbehörden spielen, aber ihnen fehlt des Verständnis und die Kompetenz, auch wenn sie etwas anderes rufen.

Die jetzt hin und wieder vorgeschlagenen mittelfristigen Maßnahmen sind sicher nötig, genau wie beim Wasser, aber wir müssen endlich einsehen, dass wir es auch in der Wirtschaft mit globalem Klimawandel zu tun haben, der langfristig bekämpft werden muss. Unser gewohntes Denken über Märkte und Wachstum taugt nämlich nicht mehr. Wir sind weltweit in den Griff einer neuen Geldreligion geraten, die ethisch unverantwortlich ist, die Erde immer weiter ausbeutet, unsere Kultur immer tiefer aushöhlt, die Menschen immer mehr verdummt und so immer schneller auf die Katastrophe zusteuert. Und genau wie beim Klima merken wir es nicht. Intuition, Gefühl und Erfahrung funktionieren hier nicht. Wir müssen arbeiten an unserer Ethik von „mehr, mehr!“, und zwar auch und gerade da, wo es scheinbar nichts mit Geld zu tun hat, und zwar weltweit, genau wie beim Klima. Sonst kommt die Katastrophe, und dann es es zu spät für Reue.

 

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