Aug 122015
 

epubli ist ein modernes Unternehmen, das nicht nur Bücher druckt, sondern auch bei deren Vertrieb hilft. Es ist ganz einfach: Man schreibt ein Buch, zum Beispiel Suche nach der Mitte von Berlin, macht daraus ein PDF, entwirft einen Umschlag, lädt beides hoch, kauft eine ISBN, und der epubli-Computer macht den Rest. Ob sie bei epubli auch Menschen in Dienst haben, merkt man im Normalfall nicht.

Der epubli-Computer empfiehlt, dass man sein Buch in möglichst vielen Kategorien anmeldet, damit Interessenten es leicht finden können. Auch die Wikipedia kennt Kategorien und Unter-Kategorien. Da kann man sich selbst neue, passende Kategorien ausdenken; aber am Besten, man schaut, welche Kategorien bei ähnlichen Einträgen verwendet werden. Der epubli-Computer aber legt einem eine Liste vor. Da kann man nichts ankreuzen, da kann man sich nicht umschauen, da kann man immer nur eine Kategorie auswählen. Die meisten passen gar nicht, einige passen mit Ach und Krach. Erst, wenn man eine Kategorie ausgewählt hat, bekommt man zu sehen, welche Unterkategorien die hat. Manchmal merkt man dann, dass sich epubli bei der Kategorie etwas ganz anderes gedacht hat. Es ist wie ein unbekanntes Gebäude, bei dem man immer mehr Türen aufmachen muss, wenn man verzweifelt etwas sucht. Erst, wenn man sich endlich für eine Kategorie und Unterkategorie entschieden hat, lernt man, dass man noch mehr Kategorien angeben darf. Man irrt also weiter herum, und wenn man so richtig drin ist, erfährt man, dass es jetzt genug ist. Nichts geht mehr.

Bildschirmfoto 2015-08-12 um 14.04.38Ich hatte es mir so gedacht: Architekturkritik, weil mein Buch – unter vielem anderen – kritische Analysen von Bauwerken, Bauprojekten und Plänen enthält, zum Beispiel von Berliner Bahn- und Flughäfen und von Hitlers Plänen zu Germania. Nichtformale Bildung,  weil es meiner Hoffnung noch am nächsten kommt, dass der interessierte Bildungsbürger damit auf unterhaltsame Manier seine Bildung erweitert. Familie und Beziehungen, weil die abscheulichen Vater-Sohn-Konflikte der Hohenzollern und ihre Auswirkungen bis heute ausführlich behandelt werden, Europäische Geschichte, weil Preußische und Deutsche Geschichte nicht angeboten wurden, Reisen in Deutschland, weil Reisen von jwd nach Berlin nicht angeboten wurden.

Gern hätte ich auch noch Philosophie ausgewählt; aber diese Kategorie hatte nur völlig umpassende Unterkategorien.

Dann hoffte ich, dass der eine oder andere, der sich für Gebäude, Bildung, Familiendramas und Zeit und Raum interessiert, auf mein Buch stößt.

Bildschirmfoto 2015-08-12 um 14.08.52Hier kann man es bestellen. Und schauen Sie mal, wie der epubli-Computer das Buch beschreibt!

  • Aus Architekturkritik ist Architektur im Gegensatz zu Kunst geworden.
  • Das Buch ist ein Nachschlagewerk über Lehren geworden. Es wäre ja schön, wenn massenhaft Lehrer es als solches verwenden würden – aber das hätte ich nie zu hoffen gewagt.
  • Meine Kapitel über die schrecklichen Konflikte zwischen Vätern und Söhnen in vergangenen Jahrunderten fallen unter Selbsthilfe für Gesundheit und Wohlbefinden. Auch das hätte ich nie zu hoffen gewagt.
  • Mein Buch handelt unter anderem von europäischer Geschichte; aber nun gilt es als allgemeines, wissenschaftliches Geschichtswerk. Joseph Beuys propagierte einen „erweiterten Kunstbegriff“, und dieser Computer kennt einen erweiterten Wissenschaftsbegriff.
  • Reisen durch Deutschland sind offenbar so wichtig, dass sie als Reisen allgemein verkauft werden. Deutschland über alles!

Mir als Fachmann fallen zwei Erklärungsmodelle für das Verhalten dieses Computers ein.

  1. Entweder bei epubli oder sonstwo hat sich jemand ziemlich kindlich einige Kategorien ausgedacht, möglicherweise auch ungeschickt aus dem Amerikanischen übersetzt. Diese Liste hat der Programmierer dann, weil er sein Fach nicht beherrscht, nicht nur an einer Stelle in Programm geschrieben, sondern an mehreren. Die epubli-Redaktion hat später irgendwann gemerkt, dass die Liste nicht gut funktioniert, und eine andere Einteilung in Kategorien beschlossen. Der Programmierer hat die alte Liste nur an einer Stelle im Programm durch die neue ersetzt und es an der anderen Stelle vergessen.
  2. Oder dies ist ein hoffnungsvolles Beispiel künstlicher Intelligenz. Niemand hat dem Computer Kategorien beigebracht. Er beginnt mit einer zufälligen Liste und ist so programmiert, dass er aus Erfahrung lernt. Wie ein Kind wiederholt er in eigenen Worten, was er verstanden hat: „Familie, also Selbsthilfe und Wohlfühlen, klar.“ Vielleicht wird ein ein paar Jahren ja noch was draus.

 

Einen Tag später

epubli hat schnell geantwortet, und die Antwort verschafft neue Einsichten. Es geht um ein drittes Erklärungsmodell.

Erstens schreibt epubli, dass es um die internationalen BISAC-Kategorien geht. Nachforschung ergibt:

  • Diese Kategorien sind eine von vielen denkbaren Möglichkeiten, die Regale in einer Buchhandlung zu organisieren. Wenn man vor einer Regalwand steht, die entsprechenden Schildchen im Blick hat und die Buchrücken studieren kann, kann man damit etwas anfangen. Wenn alle Buchhandlungen ihre Regale so organisieren würden, würde man sich schnell daran gewöhnen.
  • Kategorien, die einen Baum von Unterkategorien haben, sind aber auch problematisch. Gehört meine Kritik am Rotterdamer Bürohaus von Renzo Piano bei Architektur unter Kritik, unter bestimmte Architekten oder unter Gebäude? Das Problem kennt man aus Buchhandlungen und Bibliotheken. Bei elektronischen Buchhandlungen und Bibliotheken wäre es kein Problem: Man gibt einfach alles an, was passt. Aber bei epubli darf man nur maximal fünf Angaben machen, was bei manchen Büchern zu wenig ist, wenn man sinnvolles Finden ermöglichen will. Wenn die Kategorien dem Finden dienen sollen, ist nicht einzusehen, warum man nicht so viele angeben darf, wie nötig. Der Computer kann das doch alles prima regeln.
  • Der epubli-Computer bietet nicht alle BISAC-Kategorien und -Unterkategorien an, sondern nur eine Auswahl. Und im Gegensatz zur Regalwand im Buchladen zeigt er nicht alles im Überblick, sondern man muss sich schrittweise blind durch den Baum tasten. Erst wenn man „ein Türchen öffnet“, sieht man, dass dahinter vielleicht gar nicht ist, was man erhoffte.

Technisch wäre dem, wenn schon die BISAC-Kategorien verwendet werden sollen, leicht abzuhelfen: Man müsste auf einer Seite alle Kategorien und Unter-Kategorien zeigen, und zwar so, dass sie der Benutzer auf- und zuklappen kann, aber immer alles zusammen im Blick hat, was er im Blick haben will. Und er müsste da ankreuzen können, was ihm sinnvoll erscheint.

Zweites schreibt epubli: „Die Händler nutzen für die Listung in den Shops in der Regel nicht diese BISAC-Kategorien, sondern listen die Veröffentlichungen in eigenen Kategorien, die von Shop zu Shop unterschiedlich sein können.“

  • Bei kleinen Buchhändlern mit einem liebevoll organisierten Laden war das schon immer so. Der Buchhändler schaut sich ein neues Buch genau an – das ist das Wichtigste an seinem Fach – und stellt es genau da hin, wo seine Kunden es suchen würden. Wenn ihm der Schalk im Nacken sitzt, stellt er auch mal das Kochbuch „1000 Schnellgerichte“ zwischen die juristischen Werke.
  • Bei elektronischen „Shops“ und Mega-Buchhandelsketten funktioniert das natürlich ganz und gar nicht. Da wird nicht von einem gebildeten Fachmann ein einzelnes Buch angeschaut und eingeordnet. Da werden ohne Sinn und Verstand ganze Kategorien aus einem System abgebildet auf Kategorien aus einem anderen, zum Beispiel „Familie“ auf „Wohlbefinden“ und „Selbsthilfe“. Das ist natürlich das amerikanische Weltbild.  Im Skandinavien von Ibsen, Hamsun und Lars von Trier käme etwas anderes dabei heraus.
  • Offensichtlich findet epubli es ganz normal, dass der eigene Computer das auch so macht. Dessen linke Hand weiß nicht, was die rechte tut. Und der Autor blickt dann stumm auf dem ganzen Bildschirm rum.
  • epubli fühlt sich offenbar nicht gerufen, wenigstens mit dem eigenen System etwas vorbildliches anzubieten. Nein, dem Autor wird geraten, herumzuprobieren, bis der Schmerz nachlässt. – Aber so ist es ja fast überall. „Der Computer kann es nicht anders.“

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