Jan 292014
 

WIII330mDie Diskussion um den Bildungsplan in BW und die Petition besorgter Eltern dagegen spitzt sich zu. Auf evangelisch.de hat ein Beitrag von Hanno Terbuyken heftige Reaktionen ausgelöst. Einer der Diskussionsteilnehmer fasst zusammen, was er gelernt hat:

In der Diskussion und in den Diskussionen zum Thema an anderen Orten treffen zwei Überzeugungen aufeinander, und zwar mitten in der evangelischen Kirche. Ich nenne Sie A und 1, um nicht zu suggerieren welche höher stünde.

Überzeugung A

„Ich glaube an die Bibel als den zentralen Text in der Kirche. Ich glaube aber auch an die Aufklärung, die Ratio und die Wissenschaft. Gerade aus der Wissenschaft weiß ich, dass die Bibel keine absolute Sicherheit bieten kann, aber, richtig angewandt, uns hilft, der Wahrheit immer näher zu kommen. Wobei man sich immer irren kann. Man muss zusammen die Wahrheit suchen, und das ist auch eine Aufgabe der Kirche. Wenn die Verfasser der Bibeltexte auch von Gott inspiriert waren, ist es für mich doch keine Frage, dass sie wie jeder Text zeit- und kulturgebunden ist und der ständigen Interpretation bedarf. Auch das ist eine Aufgabe der Kirche. Und Kirche, das sind wir alle. Ich glaube, dass man miteinander und voneinander lernen kann und muss.

Ich habe an mir selbst oder an anderen Männern erfahren, dass diese und ich sich nicht ausgesucht haben, dass wir Männer lieben, nach ihrer Nähe und Zärtlichkeit verlangen, mit einem Mann in Allem zusammenleben wollen, und dass das mit Frauen nie so funktionieren würde. Ja, wir wissen, dass man sich überwinden kann, eine Frau zu heiraten und Kinder zu zeugen und erziehen. Klar ist das biologisch möglich, und manchmal funktioniert es auch was Erziehung und Glück betrifft. Aber bei vielen von uns führt das leider eben doch zu lebenslangem Unglück, auch wenn man das manchmal jahrelang verdrängen kann.

Was uns beruhigt, ist, dass immer mehr wissenschaftliche Ergebnisse bestätigen, dass das, was sich so richtig und gut anfühlt, auch richtig und gut ist. Für einige, natürlich nicht für alle.

Wir bemerken aber auch, dass viele von uns sehr unglücklich wurden, weil sie es in der Gesellschaft so schwer hatten, ihren Weg zu finden und zu gehen. Und wir sehen, dass es heutige Schüler manchmal noch viel schwerer haben. Wenn man ihnen durch Aufklärung Angst nehmen könnte, würden sie glücklicher.

Die große Mehrheit der Menschheit liebt das andere Geschlecht. Nichts weist darauf hin, dass man die zu einem ganz anderen Leben verführen könnte. Das will auch niemand.

Wir wollen nicht mehr und nicht weniger, als dass dieses Tabu verschwindet und dieses Stück Realität auch auf der Schule behandelt wird.“

Überzeugung 1

„Ich glaube, dass die Bibel das Wort Gottes ist, und dass ich mit Bibelstellen beweisen kann, dass ich Recht habe. Und wenn ich weiß, dass ich Recht habe, brauche ich auch nicht mehr zu lernen oder zu fragen. Ich suche keine Sicherheit, weil ich sie habe.

Wenn mich jemand hinweist auf Widersprüche in der Bibel und andere Probleme, wie sie bei Texten normal sind, muss und darf ich ihn mit allen Mitteln ins Unrecht setzen, denn er glaubt ja nicht, sondern versucht, mich abtrünnig zu machen.

Aus der Bibel weiß ich, dass Männer, die Männer lieben, erschlagen werden müssen. Sie können froh sein, wenn wir sie heutzutage leben lassen; aber ich will nichts von ihnen sehen.

Alle Männer, die Männer lieben, sind entweder verführt worden oder haben sich freiwillig zu so etwas Verwerflichem bekehrt. Man kann sie heilen oder umerziehen.

Wenn man ihr Treiben nicht nur erlaubt, sonder auch noch in der Schule bespricht, werden meine eigenen Kinder so stark verunsichert, dass wir Eltern nicht mehr dagegen ankönnen. Dann werden auch sie gottlos, sündig, pervers und unglücklich. Außerdem stirbt das Volk dann womöglich aus, weil sich zu wenig Leute vermehren.“

 

Beide Überzeugungen sind ehrenwert, gut gemeint und in sich konsistent. Beide streben nach einer besseren Welt und nach besseren, glücklicheren Menschen.

Das große Missverständnis im Versuch der Diskussion besteht darin, dass jedes Lager glaubt, es könnte das andere Überzeugen. Das ist aber prinzipiell nicht möglich:

Bei 1 hört alle Logik und Wissenschaft zwangsläufig auf, spätestens, wenn sie einem nicht in den Kram passt. Was von 1 aus gesehen auch gar nicht schlimm ist. Deshalb sollte es von A nicht bekämpft, sondern als Fakt gesehen werden; denn überzeugen kann man ja prinzipiell nicht.

Bei A wird die bei 1 gefühlte Sicherheit in Gottes Wort aber als vorwissenschaftlich, ja gefährlich gesehen. Da ist diese bestimmte Art des Glaubens zwangsläufig disqualifiziert. Was von A aus gesehen auch gar nicht schlimm ist. Von 1 aus gesehen muss diese Haltung aber verurteilt werden, denn man ist ja vom eigenen Glauben und der Sünde der Abfälligkeit überzeugt.

Ich habe viel zu lange bei der Diskussion mitgemacht, bis ich begriff, dass Diskussion zwischen diesen beiden Überzeugungen vollkommen sinnlos ist. Es ist wie bei diesen Gladiatorenkämpfen, wo der eine Schild und Schwert, der andere Dreizack und Fischernetz hat. Das Einzige, was bei einem solchen Kampf herauskommen kann, ist, dass mindestens einer am Ende schwerverwundet oder tot ist.

Diskutieren hat keinen Zweck. Überzeugen kann nie gelingen. Deshalb kann es nur so gehen, dass beide Lager ihre Standpunkte ausarbeiten, und man es der Weisheit des Parlaments überlässt, ein Gesetz oder eine Verordnung zu erlassen, die beiden so wenig wie möglich weh tut.

Es geht um die Kinder. Beide Lager zerren nun an deren Ärmchen, und sie drohen zu zerreißen. War da nicht so eine Geschichte in der Bibel?

 

 

 

 

 

  2 Responses to “Wissenschaftler kapituliert vor Glauben”

  1. „Ich glaube an …“ wird in verschiedenen Bedeutungen verwendet. „Ich glaube an die Bibel als zentralen Text der Kirche“ kann man sagen, aber nicht: „Ich glaube an die Wissenschaft als zentralen Text der Universität“ oder „Ich glaube an die Aufklärung als zentralen Text des Staats“.

    Ich sehe auch noch eine andere mögliche Vision für den Christen. Auf griechisch unterscheidet man nomízō (= glauben, für wahr halten) von pisteúō (= glauben, vertrauen). Die Bibel ruft immer wieder dazu auf, Jesus Christus zu glauben, d.h. ihm zu vertrauen. In dieser Vision geht es also um eine Beziehung zu einer Person, nicht um ein (emotionsloses) Für-Wahr-Halten eines Texts.

    • „Ich glaube an die Bibel als zentralen Text der Kirche“ kann man sagen, weil es eine Abkürzung der Aussage „ich glaube, dass die Bibel ein zentraler Text der Kirche ist“. Bei „Ich glaube an die Wissenschaft als zentralen Text der Universität“ hast du in einer Abkürzung einfach Text ersetzt. Gemeint wäre höchstens etwas wie: „Ich glaube an Wissenschaftsausübung als zentrale Aufgabe der Universität“.

      Ich halte es mit der Definition von Carl-Friedrich von Weizsäcker: Etwas glauben bedeutet, sich bei jeder Gelegenheit so zu verhalten als wäre das. woran man glaubt, wahr.

      In diesem Sinne ist die Aussage “Ich glaube an die Bibel als den zentralen Text in der Kirche“ trivial. In jedem Kirchengebäude liegen offensichtlich aufgeschlagene Bibeln, in jeder Predigt wird die Bibel zitiert. Die Aussage „Ich glaube, dass die Bibel das Wort Gottes ist, und dass ich mit Bibelstellen beweisen kann, dass ich Recht habe“ ist von einem ganz anderen Kaliber.

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